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Was weiss der Tropfen davon

Eine atmosphärische und philosophische Annäherung an das Gebäude des Deutschen Bundestages

Der Reichstag in Berlin, das einflussreichste Gebäude in Deutschland, steht im Mittelpunkt dieses stilisierten Kurzdokumentarfilms von Jan Zabeil. Aber mehr als das Gebäude, sind es die ausländischen Reinigungskräfte, die jeden Tag das Gebäude säubern, die im Film wichtig sind. Wie in einem Ballett bewegen sie sich mit ihren gelben Mülleimern und Putzbesen in dem majestätischen, architektonisch streng durchstrukturierten Gebäude. Sie wischen endlose Flure, entstauben Lampenschirme und putzen unzählige Fenster. Im Voice-Over erzählen die Reinigungskräfte von ihrer Arbeit und der Bedeutung des Gebäudes. Während ein Mann enthusiastisch den in einem Boden eingelassenen Text säubert, erklärt er, dass einige der Buchstaben schwieriger als andere zu reinigen sind. Doch zum Verstehen des Textes reichen seine Deutschkenntnisse nicht. Sein Kollege erklärt, auf welcher Ebene die CDU ihre Büros hat und wo die SPD sitzt, doch politische Unterschiede sieht er zwischen ihnen nicht.

Minimalistische Musik begleitet den Film und die Kamera schwebt entlang der Etagen, in der jede Reinigungskraft arbeitet. Fragen zu Politik und Migration, die der Film auf eine philosophische Art aufwirft, entfalten im Gebäude, dem Zentrum der deutschen Demokratie, eine besondere Resonanz. Der Film entdeckt das Poetische im Alltäglichen und wirft nebenbei wichtige Fragen zum deutschen Selbstverständnis auf. Eine außergewöhnliche Dokumentation, in der der Blickwinkel für das „Große Ganze“ bewusst und filmerisch einmalig „verstört“ wird und einlädt, über die gesellschaftliche Wahrnehmung nachzudenken.

Denn was ist das Leben des Menschen?
wie Regentropfen, die vom Himmel auf die Erde fallen
durchmessen wir unsere Spanne Zeit,
vom Winde des Schicksals hin und her getrieben.
Der Wind und das Schicksal haben ihre unabänderlichen Gesetze,
nach denen sie sich bewegen;
aber was weiß der Tropfen davon,
den sie vor sich her fegen?


Textauszug aus Ricarda Huch „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“ (1893), eingelassen in den Boden des Paul-Löbe-Hauses, Deutscher Bundestag


Was weiß der Tropfen davon
D 2007 | Dokumentarfilm | 12 Min. | Farbe | 35mm | 1:1,85, Dolby Stereo
Konzeption, Regie, Kamera: Jan Zabeil
Produktion: Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ Potsdam-Babelsberg
FSK: ohne Altersbeschränkung | Verleih: defa-spektrum GmbH