jan 2016 | stadtzauber interviewt

Romana Breuer


Kuratorin für Design & Bildende Kunst am Museum für Angewandte Kunst Köln


Am 18. Januar eröffnen Sie die Ausstellung „RADIO Zeit“. Als Museum für Angewandte Kunst werden Sie sicherlich auf eine Menge historischer Geräte zurückgreifen können. Verraten Sie uns, was den Besucher erwarten wird?
RB:
Es gilt, rund 220 Exponate zu entdecken, die in einem chronologischen Parcours mit 20 Stationen die Entwicklung des Radiodesigns nachzeichnen. Als die Technik erfunden wurde, war die Frage nach einem passenden Gehäuse noch völlig offen. Wir beginnen in der Ausstellung mit den 1920er Jahren und verfolgen die Formfindung bis in die Gegenwart. Überraschenderweise hat sich klar herausgestellt, dass es einen stilistischen Kanon tatsächlich gibt – und der hat sich bis heute gehalten. Was es ist, wird jetzt natürlich noch nicht verraten.


Wie muss man sich die Erfolgsstory des Radios zur damaligen Zeit vorstellen? Welche gesellschaftliche Dimension hatte die Erfindung des Radios?
RB:
Wahrscheinlich können wir uns das heute gar nicht mehr vorstellen. Plötzlich war es möglich, in den eigenen vier Wänden eine Person oder sogar ein ganzes Orchester zu hören, die oder das tatsächlich kilometerweit entfernt war. Und man konnte dieses Hörerlebnis mit anderen teilen: Nachrichten, Börsenkurse, Tipps zum Einkaufen, Anweisungen für die Morgengymnastik, Konzerte, Tanzmusik. Ich denke, es war einfach magisch. Dafür spricht auch die rasend schnelle Ausbreitung des Mediums. Am 31. Oktober 1923 erhielt in Berlin der erste Hörer seine offizielle „Rundfunkteilnehmer-Lizenz“. Drei Jahre später waren es bereits über eine Million – Schwarzhörer nicht mitgerechnet.


Keine Form ohne Inhalt. Wird es „Inhalte“ in der Ausstellung geben, wie Aufzeichnungen und Tonspuren? Wie verhält es sich mit aktuellen Inhalten?
RB:
Ja, das war mir auch ganz wichtig. Radio nur sehen, ohne Radio zu hören, geht wirklich gar nicht. Es gibt in der Ausstellung Hörstationen. Die Besucher können sich Albert Einstein anhören oder Hermann Leopoldi, wie er „Die schöne Adrienne“ besingt, es gibt kurze Reportagen zu denkwürdigen Ereignissen (positive wie auch negative), Hörspiele, Radiowerbung und auch die bekanntesten Songs, die das Radio zum Thema haben. Und das natürlich bis heute. Das WDR Archiv hat uns dazu nicht nur mit spannenden Objekten, sondern auch mit historischem Fotomaterial unterstützt, so dass wir auch Blicke in die Produktion von Radiosendungen gewähren können. Und die Radio-App, die gibt es auch, allerdings unter Aspekten des Designs.


Bei der Konzeptionierung und Realisation der Ausstellung sind Sie sicherlich vielen Menschen begegnet. Ist das Thema Radio ein emotionales Thema?
RB:
Ja, das war die eigentliche Überraschung. Ich bin vom formalen Aspekt des Radiodesigns ausgegangen und musste dann feststellen, dass es viele Menschen gibt, die eine persönliche Geschichte mit dem Radio verbinden. Das Gerät hat offensichtlich viel mit Erinnerungen zu tun. Erst letzte Woche erzählte mir eine Dame, wie sie als Kind voller Entzücken das „Magische Auge“ beobachtet hatte. Dies war eine Elektronenröhre mit kreisrundem Leuchtschirm, die die Signalstärke eines Senders anzeigte. Bei Schwankungen schlugen die grünen Segmente mehr oder weniger aus, so dass das „Auge“ tatsächlich belebt erschien. Kein Wunder, dass dies die kindliche Fantasie anregte. Aber das ist nur eine von vielen Radiogeschichten. Spannend finde ich in dem Zusammenhang auch, dass sich sehr viele an den Namen des Apparats erinnern können. Also, nicht einfach der Name eines Herstellers, sondern der „Mini-Boy“, der „Pinguin“, die „Philetta“ und so weiter. Und interessant ist auch, dass von Anbeginn der Radioproduktion Spitznamen vergeben wurden: „Pfeifende Johanna“, „Brotbüchse“, „Herr im Frack“, „Katzenkopf“, „Langer Heinrich“ und „Schneewittchensarg“, um nur einige zu nennen.


Nach so viel Radio zum Schluss noch ein privater Buchtipp, den Sie unseren Lesern geben möchten?
RB:
Gerade wieder entdeckt und mit absolutem Genuss gelesen habe ich „Denken wir uns“ von Robert Gernhardt. Die Erzählungen sind sprachlich brillant – wie immer bei Herrn Gernhardt. Sie gestatten einen schonungslosen Blick auf uns selbst und sind dabei voller Witz und feinsinnigem Humor. Teilweise kamen mir wirklich die Tränen vor Lachen.


Frau Dr. Breuer,
vielen Dank für das Gespräch!