märz 2016 | stadtzauber interviewt

Tony Cragg


Bildhauer, Gründer Skulpturenpark Waldfrieden

Ab April 2016 zeigen Sie im Skulpturenpark Waldfrieden Arbeiten des englischen Bildhauers Henry Moore, einem der international bedeutendsten Wegbereiter der Moderne. Welche Ausschnitte aus seinem umfassenden Schaffen wird es zu sehen geben?
TC:
Wir zeigen eine Auswahl der Gipsskulpturen Henry Moores aus dem Besitz der Henry Moore Foundation, die uns freundlicherweise als Leihgabe für unsere Ausstellung zur Verfügung gestellt wurden. Henry Moores Gipsskulpturen habe ich zum ersten Mal 1982 in Toronto gesehen. Es waren 26 oder 27 Arbeiten, die dort im Museum of Modern Art gezeigt wurden und mich, weil ich sie zum ersten Mal sah, fast überwältigten, denn seine Arbeiten in Gips zeugen noch deutlicher als seine Bronzen von seiner genialen bildhauerischen Intelligenz.


Sie hatten sicherlich das Glück, Henry Moore noch persönlich kennenzulernen. Welche seiner Visionen hat Sie am meisten beeindruckt und beeinflusst?
TC:
Ich habe ihn in der Tat zweimal erlebt während meines Studiums am Royal College of Art in London in den frühen 70er Jahren. Henry Moore besuchte die Skulpturenabteilung. Kennenlernen ist aber eigentlich etwas anderes. Ich glaube nicht, dass es bei ihm vordergründig um Visionen geht – das ist wahrscheinlich nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr denke ich, dass er, in einer Zeit, in der Bildhauer sich nicht länger an der menschlichen Anatomie orientieren mussten, freie Ausdrucksformen für vollkommen neue Figurationen unseres Menschenbilds geschaffen hat. Seine Einflüsse waren die Natur seiner Heimat Yorkshire und die am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckten Bildhauereien der Kulturen Afrikas, Asiens und Amerikas sowie Skulpturen der frühen Antike, aber auch Picasso.
Auch wenn Henry Moore ein sehr großes Vokabular an Formen geschaffen hat, liegt seiner Arbeit immer noch eine Vorstellung von Natur zugrunde. So schön es sein mag, so zu arbeiten, muss ich sagen, dass meine Welt nicht die der Natur ist. Ich versuche, in einer vom Menschen hergestellten Welt eine Qualität zu finden, die jener der Natur ebenbürtig ist – was natürlich schwierig ist, weil menschliches Tun oft im Gegensatz zur Natur steht.


Im vergangenen Jahr präsentierten Sie mehrere schwere Metallskulpturen des ebenfalls englischen Bildhauers Lynn Chadwick (1914–2003). Neben Chadwicks kantigen, spitzen und rauen Arbeiten wirken Moores Skulpturen unheimlich weich, fließend und organisch. Haben Sie diesen Kontrast bewusst gewählt?
TC:
Ich habe diesen Kontrast nicht bewusst inszeniert, aber er ist mir natürlich bewusst. Chadwick hat zum Teil zur selben Zeit wie Henry Moore gearbeitet und hatte seine eigenen nationalen und internationalen Erfolge. Lynn Chadwick ist weiter entfernt von einem Naturmodell als Moore. Daher hat er sozusagen eine ganz neue bildhauerische Technik und Formenwelt entdeckt. Moore hält sich immer noch an die Naturmodelle von Knochenform, Muschel oder Stein etc.


Wie beurteilen Sie den heutigen Skulpturbegriff? Welche Tendenzen lassen sich erkennen?
TC:
Eigentlich ist es nicht meine Aufgabe, zu beurteilen. Skulptur ist nicht mehr nur das Kopieren von vorhandenen Formen – ob aus der Natur oder von Menschen geschaffenen, künstlichen Formen. Skulptur ist heute das Studium der gesamten Materialität, sie beschränkt sich nicht mehr nur auf wenige Materialien. Skulptur geht der Frage nach, wie Materialformen uns beeinflussen. Denn das tun sie ständig: Alles was wir sind und was uns beschäftigt, leitet sich von dem uns umgebenden Material ab. Das verschafft dem Begriff der Bildhauerei ganz neue, vor allem aber breitere Möglichkeiten. Das Schöne und Interessante daran ist, dass die Inhalte von Bildhauerei überwiegend noch skulpturaler Natur sind. Und wenn es eine Tendenz gibt, dann die, dass viel mehr Menschen die Relevanz von Bildhauerei erkennen als jemals zuvor.


Im Skulpturenpark Waldfrieden kann man das ganze Jahr über Skulpturen bzw. Plastiken bedeutender Positionen der Moderne und Gegenwart, darunter Ihre eigenen Arbeiten sowie solche von Richard Deacon, Thomas Schütte oder Bogomir Ecker, im Freien und in Wechselausstellungen bestaunen. Wie wichtig sind diese Arbeiten für junge Kunstschaffende?
TC:
Ich möchte zeigen, was Bildhauerei in der jetzigen Zeit bedeutet. Das kann uns natürlich nicht lückenlos und vollständig gelingen. Mich interessiert einfach, was andere Bildhauer und Bildhauerinnen interessiert und wie die Entwicklung abgelaufen ist. Das ist eine extrem interessante Geschichte, es ist eine Geschichte, die gerade in unserer heutigen Zeit noch wichtiger geworden ist. Ich hoffe, dass der Skulpturenpark für Künstler, jüngere wie ältere, aber auch für Nichtkünstler eine Plattform bietet, die Möglichkeiten der Bildhauerei wahrzunehmen und zu erleben.


Herr Cragg,
vielen Dank für das Gespräch!