mai 2016 | stadtzauber interviewt

Stephanie Steinberg


Festivalleiterin der Mülheimer Theatertage "Stücke"


Seit 1976 wird jährlich der renommierte „Mülheimer  Dramatikerpreis“ vergeben. Unter die Preisträger reihen sich so bekannte Namen wie Heiner Müller, Botho Strauß, George Tabori oder auch Elfriede Jelinek. Im Fokus stehen vor allem die Stücktexte und nicht deren Inszenierung. Warum liegt gerade hier der Schwerpunkt?
SS:
Texte haben im Theater – zumindest im europäischen – von jeher eine große Bedeutung. Mit der Entwicklung des Regietheaters und performativer Formen sind die Theaterstücke jedoch oft in den Hintergrund geraten. Den Mülheimer Theatertagen war und ist es wichtig, die Theaterliteratur als ein konstitutives Element des Theaters zu stärken. Natürlich gibt es gutes Theater jenseits von Text und Sprache, aber es gibt eben auch richtig gute Theaterstücke. Und davon wollen wir viele. Aus meiner Sicht sind die Autoren und Autorinnen und ihre szenischen Texte aller Art unentbehrlich für die Weiterentwicklung des Theaters.


Die Mülheimer „Stücke“ begleiten Sie bereits seit über 18 Jahren, seit 2014 als Festivalleiterin. Welche Veränderungen haben Sie ganz bewusst miterlebt?
SS:
Eine einschneidende Veränderung betrifft das Konzept der Autorschaft. Die Frage, was ein Theaterstück eigentlich ausmacht, wie es beschaffen sein muss, auf welche Weise, von wem/wie vielen es geschrieben wird, wurde in den letzten Jahren intensiv diskutiert. Die „Stücke“ haben sich dieser Diskussion nicht entzogen. Mit der Vergabe des „Mülheimer Dramatikerpreises 2007“ an Rimini Protokoll hat die Preisjury ein Zeichen gesetzt, dass die „Stücke“ offen für neue Formen sind. Und in diesem Jahr hat das Auswahlgremium mit Yael Ronens „The Situation“ sogar ein Stück eingeladen, das über weite Strecken fremdsprachig ist. Das berührt eine zweite Veränderung, die ich miterlebt habe: die Internationalisierung. Mit den Übersetzerwerkstätten und den ausländischen Gastspielen haben wir den Blick bewusst auf die Wirkung deutschsprachiger Dramatik im Ausland gelenkt. Es ist eine große Bereicherung zu sehen, wie Übersetzer und Theaterleute aus aller Welt mit den Mülheimer Texten umgehen.


Zu den diesjährig Nominierten gehören unter anderem Sibylle Berg, Wolfram Höll, Fritz Kater und Thomas Melle. Letzterer ist mit seinem Stück „Bilder von uns“, das im Januar 2016 uraufgeführt wurde, zum ersten Mal im Rennen. Wie kommt die Auswahl zustande?
SS:
Die Stücke werden von einem Auswahlgremium, das aus fünf Theaterkritikern und Theaterkritikerinnen besteht, nominiert. Sie lesen alle deutschsprachigen Theatertexte, die im Zeitraum von einem Jahr uraufgeführt werden. Diesmal waren das um die 100 Stücke. Gut die Hälfte davon hat das Auswahlgremium dann auf der Bühne gesehen. Aus diesen Stücken wählt das Gremium sieben aus, deren Inszenierungen dann nach Mülheim zum Wettbewerb eingeladen werden.


Die Mülheimer „KinderStücke“, die anfangs noch im Rahmenprogramm der „Stücke“ liefen, finden seit 2010 auch als eigener Wettbewerb statt. Wie wichtig ist Ihnen die Ansprache eines jüngeren Publikums?
SS:
Sehr wichtig. Die Kinder sind ein tolles Publikum. Es überrascht mich immer wieder, mit wie viel Neugier und Aufmerksamkeit sie den Aufführungen folgen. Sie haben großen Spaß an der Sprache sowie an einem künstlerischen, spielerischen Umgang damit. Im Alltag der meisten Kinder kommt eine solche Sprache kaum vor. In der Schule ist wenig Raum dafür, in den Medien liegt der Schwerpunkt auf der visuellen Wahrnehmung. Und der Theaterbesuch ist zudem ein Gemeinschaftserlebnis, eine Begegnung: mit den Schauspielern und Schauspielerinnen, den Autoren und Autorinnen sowie den anderen Kindern im Publikum. Gemeinsam zuzuschauen und zuzuhören hat eine andere Qualität und Dynamik, als alleine vor dem iPad zu sitzen.


Was ist Ihnen für die Zukunft der „Stücke“ wichtig?
SS:
Noch mehr junge Menschen sollen erfahren, welch ein Luxus es ist, Jahr für Jahr die besten deutschsprachigen Stücke in Inszenierungen renommierter Theater hier in Mülheim versammelt sehen zu können. Deshalb haben wir unsere Kontakte zu den Hochschulen der Region intensiviert und beispielsweise Studierende eingeladen, das Festival im Mai aus nächster Nähe mitzuerleben und in einem Blog zu begleiten. Wichtig ist auch, dass wir neugierig bleiben auf die Möglichkeiten szenischer Sprache, die uns so manches in neuem Licht und mit anderen Augen sehen lässt.


Welches Buch hat Sie zuletzt nachhaltig beeinflusst?
SS:
Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken". Davon hoffe ich zumindest, dass es mich nachhaltig beeinflusst. Ein Buch über Verhaltensökonomie, über ganz erstaunliche, verblüffende Denkfehler, die unser Urteil prägen und unser Handeln beeinflussen. Äußerst kurzweilig zu lesen und sehr hilfreich beim Blick auf eigene (Problemlösungs-)Gewohnheiten.


Frau Steinberg,
vielen Dank für das Gespräch!