juli 2016 | stadtzauber interviewt

Bettina Masuch


Intendantin Tanzhaus NRW Düsseldorf


Das Tanzhaus NRW setzt sich aus drei Bereichen zusammen: die Bühne, die Akademie und das Junge Tanzhaus. Wie erreichen Sie möglichst viele Schnittmengen zwischen diesen Bereichen?
BM:
Das erledigen Künstler und Publikum in großen Teilen von ganz alleine. Immer mehr Choreografen arbeiten künstlerisch mit Amateuren und suchen nach Ressourcen, die sich mit einer politischen Haltung verbinden lassen. Im Haus gehen mehr als 3.000 Amateure die Woche im Rahmen unserer Kursangebote ein und aus und reagieren neugierig und offen auf diese verbindenden Konzepte. Vermittlung gehört für viele Choreografen zum Alltag und so entstehen zahlreiche Schnittmengen zwischen den Bereichen. Wir investieren in zeitgenössische Formen der Vermittlungsarbeit, etwa mit unserem Zuschauerformat „Physical Introduction“, in dem Tanzkünstler physisch erlebbar auf eine anschließende Vorstellung vorbereiten. Das kann und muss also nicht immer mit Worten geschehen.


Was kann man unter dem Konzept „Factory Artist“ verstehen?
BM:
Die Einführung der „Factory Artists“ zielt auf eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Künstlern und uns als Institution. Die Residenzkünstler sind junge Choreografen, denen wir für die Dauer von rund zwei Jahren eine Homebase, einen Ort zum Produzieren und Präsentieren ihrer Arbeit bieten. Das hat sich bereits mit den drei aktuellen Choreografen Jan Martens, Sebastian Matthias und Alexandra Waierstall als sinnvoll und für alle Seiten bereichernd erwiesen. Dies ohne einen besonderen Produktionsetat zu tun, ist eines der nächsten Schritte, die wir gemeinsam mit der Politik gehen müssen.


Wo lernen Sie die Künstler und deren Arbeiten kennen, die Sie in Ihrem Programm zeigen?
BM:
Recherchereisen, Studiobesuche, Theaterbesuche, Probenbesuche, Gespräche, DVD und Internetrecherche, Bewerbungen und Empfehlungen durch Kollegen.


Das Tanzhaus NRW ist als Produktions-, Fortbildungs- und Aufführungsort eine lebendige und junge Begegnungsstätte. Wie setzt sich ihr Publikum zusammen?
BM:
Breit, was das Alter und die Internationalität angeht. Unsere Besucher kommen aus Düsseldorf, aus Köln, aus ganz Nordrhein-Westfalen, aus den Benelux-Ländern und bei großen Festivals aus ganz Deutschland und Europa. Überregional und international tätige Fachkollegen, Journalisten, Politiker und andere Multiplikatoren zählen genauso zu unserem Stammpublikum. Uns bleibt es wichtig, über das Genre Tanz hinaus interessierte Besucher stärker ans Haus zu binden.


Welche Tendenzen lassen sich im aktuellen zeitgenössischen Tanz erkennen?
BM:
Wir beobachten im zeitgenössischen europäischen Tanz tendenziell eine Rückkehr zu mehr Virtuosität. Zugleich wird die Virtuosität aber auch in Frage gestellt und der andere Körper jenseits der klassischen Norm im Tanz in den Mittelpunkt gerückt. Das Interesse an partizipativen Inszenierungen sowie die Arbeit mit Amateuren auf der Bühne, das Crossover von urbanem und zeitgenössischem Tanz sowie ein stärkeres Bewusstsein für das Tanzerbe sind ebenfalls Aspekte, die wahrnehmbar sind. Und: Die künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Anliegen wie Gemeinschaft, Wandel oder Ökologie wächst.


Eine interessante Frage, die sie selbst in einem Interview gestellt haben, möchten wir gerne an Sie zurückgeben: Wie kommt es, dass frei produzierende Häuser wie das Tanzhaus NRW, Hebbel am Ufer Berlin, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt/M., Kampnagel Hamburg, Europäisches Zentrum der Künste Dresden, PACT Zollverein Essen und FFT in Düsseldorf so viel künstlerische und gesellschaftliche Ausstrahlung im In- und Ausland besitzen und kulturpolitisch immer noch am Katzentisch sitzen?
BM:
Kunstförderung funktioniert auf lokaler Ebene hierzulande zurzeit über sehr sehr langfristige Verträge, was die großen kommunalen Institutionen angeht. In dieser Hinsicht ist die Förderlandschaft aus Sicht eines Hauses, wie ich es vertrete, leider schwerfällig.


Welches Verhältnis haben Sie zu Pina Bausch, der in der Bonner Bundeskunsthalle aktuell eine große Ausstellung gewidmet ist?
BM:
Pina Bauschs Arbeiten haben mich als Schülerin gelehrt, Tanz zu sehen.


Welche zwei internationalen Tanzfestivals können Sie uns, abgesehen von Ihrem eigenen Programm, empfehlen?
BM:
„Tanz im August“ in Berlin und „Impulstanz“ in Wien.


Welches Buch hat sie zuletzt berührt?
BM:
„Die Kunst und das gute Leben“ von Hanno Rauterberg.


Frau Masuch,
vielen Dank für das Gespräch!