jan 2017 | stadtzauber interviewt

Dick Spierenburg


Creative Director der imm Cologne

Dick Spierenburg, welchen Ansatz verfolgt die imm cologne 2017 als  weltweit führende Einrichtungsmesse?
DS:
Sowohl die imm cologne als auch das gleichzeitig veranstaltete Küchenevent LivingKitchen zeigen, wie sich Wohnen und Leben weiterentwickeln werden. Das Teilnehmerfeld ist international, es gibt also einen sehr breiten Blick auf das aktuelle Angebot im Bereich der Einrichtung. Dabei zeigen uns die Aussteller das Heute und Morgen von Einrichtung. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Messe, neue Perspektiven aufzuzeigen und auf zukunftsweisende Strömungen hinzuweisen.


Die einzelnen Lebensbereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit fließen zunehmend ineinander und verändern damit die Einrichtung. Wie bewerten Sie diesen Trend und wie wirkt er sich auf die imm cologne aus?
DS:
Ich glaube, dass es heute kaum noch ein Haus oder eine Wohnung ohne einen Platz zum Arbeiten gibt. Man arbeitet mehr zu Hause und auf der anderen Seite fühlt sich das Büro viel wohnlicher an. Daneben gibt es noch Zwischenbereiche zum Wohnen oder Arbeiten wie Hotels, Cafés und andere Orte. Diese Entwicklung spiegelt sich auch auf den Messen wider. So werden auf der imm cologne zunehmend Lösungen für das Arbeiten im Wohnumfeld präsentiert. Umgekehrt sind auf der Büromesse Orgatec heute viel mehr wohnorientierte Marken zu finden, als noch vor einigen Jahren.


Was bedeutet die zunehmende Verschmelzung der Lebensbereiche für die Designer? Müssen Gestalter heute vielfältiger sein, um multifunktionalere Möbel oder Interieurs entwerfen zu können?
DS:
Man hat als Designer heute mehr Möglichkeiten. Es gibt zum Beispiel mehr Räume und Umgebungen, die sich für das Arbeiten gestalten lassen. Beim Wohnen spielt das Thema Flexibilität und Mobilität eine immer größere Rolle. Mehr und mehr Menschen leben in der Stadt auf immer kleineren Wohnflächen. Es wird daher über neue Möglichkeiten für die Kombination von Einrichtung nachgedacht: Möbel, die mehrere Funktionen miteinander verbinden; Tische, die sich zum Essen und Arbeiten eignen; Betten mit integriertem Stauraum etc. Ich glaube auch, dass es das lebenslange Wohnen in einem Haus nicht mehr geben wird. Biografien sind heute weniger geradlinig – es ist ja zum Beispiel von „Digitalen Nomaden“ die Rede. Man zieht öfter um und braucht dafür leichtere und flexiblere Möbel.


Wie wichtig sind Ihnen die Aktivitäten in der Stadt parallel zur Möbelmesse?
DS:
Ich finde es sehr wichtig, dass das Thema Wohnen, Einrichten und Leben nicht nur auf der Messe stattfindet, sondern in der gesamten Metropole Köln. Das Veranstaltungs- und Ausstellungsprogramm der Passagen greift aktuelle Tendenzen im Design, speziell im Interior Design, mit Ausstellungen in Kölner Showrooms, Galerien, Einrichtungshäusern, Kulturinstituten, Museen und Hochschulen auf und macht die Stadt so zum Gesprächsstoff. Das Messeduo imm cologne und LivingKitchen und die Passagen machen die ganze Stadt eine Woche lang zur Einrichtungshauptstadt Europas.


Gibt es etwas, auf das Sie sich besonders freuen?
DS:
Ja, auf jeden Fall – ich freue mich sehr auf die Ausstellung „FULL HOUSE: Design by Stefan Diez“. Mich hat Stefan Dietz von Anfang an fasziniert, besonders die konsequente, oft radikale Suche nach neuen Wegen, die so charakteristisch ist für seine Arbeiten. Indem sein Blick über konventionelle Ansätze im Design hinaus geht, findet er oft überraschende Lösungen. Der Name Stefan Diez ist sehr eng mit der imm cologne verbunden – so hat er auch einmal das „ideal house“, Vorgänger des aktuellen Projekts „Das Haus“, gestaltet. Ich bin sehr gespannt auf die Ausstellung im MAKK, die am Beispiel zahlreicher, teils auch unveröffentlichter Projekte die Herausforderungen aufgezeigt, denen sich das Münchner Studio von Stefan Diez stellt, und dabei immer wieder neu entdeckte Spielräume für die Gestaltung von Alltagsgegenständen nutzt.


Sie entwickeln jetzt im fünften Jahr „Das Haus“. Hierzu wird jedes Jahr ein anderer Designer eingeladen, um seine Vision vom Wohnen zu zeigen. Was haben Sie aus den letzten vier Projekten über das Wohnen gelernt?
DS:
Der New Yorker Produktdesigner Todd Bracher hat als Guest of Honour der imm cologne 2017 einen ausgesprochen großzügigen architektonischen Entwurf des Design-Events „Das Haus – Interiors on Stage“ vorgelegt. Sein Haus ist ähnlich komplex und philosophisch wie das von Neri&Hu, er greift aber auch Motive wie Sinnlichkeit und Geselligkeit von Sebastian Herkners und Louise Campbells Haus-Projekten auf, und wandelt den Ansatz zonierten Wohnens von Doshi&Levien in geometrischer Formgebung ab. Wer seine Entwürfe kennt, wird nicht daran zweifeln, dass sich im Inneren wohl auch ein Hauch jener Eleganz finden wird, die etwa Lucha Nichettos Haus  auszeichnete. Damit sind die besten Voraussetzungen gegeben, um „Das Haus 2017“ für die Messebesucher zu einem intuitiv erlebbaren Design-Event zu machen.


Herr Spierenburg,
vielen Dank für das Gespräch!