märz 2017 | stadtzauber interviewt

Elfie Semotan

 

Fotografin

 

In Ihrem neu erschienenen Buch „Eine andere Art von Schönheit“ beschreiben Sie Ihre Mutter als schöne, eigenwillige Frau, die die Familie verließ, als Sie zwei Jahre alt waren. Sie holte Sie ein paar Jahre später zu sich nach Wien. Welche Auswirkungen hatte diese Emanzipation Ihrer Mutter auf Ihre eigenen Lebensvorstellungen?

ES: Zunächst einmal ganz direkte, als ich vom Land zu ihr in die Stadt zog. Ich war verzweifelt; wo man auch hinsah, überall gab es nur gepflasterte Straßen. Ich sah kein Gras, keinen Baum, nichts, was mich zum Spielen anregte. Außerdem war ich alleine unter Erwachsenen. In der Klosterschule benahm ich mich sehr schlimm. Die Briefe, die meine verzweifelten Lehrerinnen und Schulschwestern an meine Mutter schickten, warf ich weg. Meine Mutter war bis zuletzt ahnungslos. Nach diesem Jahr kehrte ich bis zur letzten Volksschulklasse wieder zurück aufs Land. Mit zehn wurde mir allerdings klar, dass ich endgültig wegmusste: in die Stadt, weg von meiner Stiefmutter, die mich in einer Fabrik als Porzellanmalerin verdingen wollte. Dank meiner Mutter war das problemlos möglich. Die Leute haben zwar immer wieder schlecht über sie gesprochen, weil sie uns so früh verlassen hatte, aber das störte mich nicht. Ich habe sie insgeheim für ihren Mut bewundert. Als Frau in dieser Zeit, 1946, nach Wien zu gehen, Röntgenassistentin zu werden und das Leben in die eigene Hand zu nehmen, muss ein Abenteuer gewesen sein. Das war damals wirklich schwierig und musste ohne jede offizielle Hilfestellung bewältigt werden. Sie war meine große Inspiration. Sie zeigte mir, dass mir die Welt offenstand. Sie ermöglichte mir Schulen und Bildung, was für sie finanziell nicht immer einfach war.

 

Die weiblichen Mitglieder Ihrer Familie scheinen insgesamt eine wichtige Rolle in Ihrem Leben gespielt zu haben. Etwa Ihre Großmutter, von Ihnen als Fels in der Brandung bezeichnet, oder auch deren jüngere Schwester, die sich mit 60 Jahren einen Liebhaber zulegte. Inwiefern haben diese Frauen Ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Konventionen beeinflusst?

ES: Frauen waren die bestimmenden Personen meiner Kindheit. Auch meine Stiefmutter war eine sehr dominante – und launenhafte – Frau. Mein Vater war ein eher sanfter Mann, den ich nicht oft sah. Mein Großvater war nett und klug, hatte aber im Haus meiner Großmutter nicht viel zu sagen. Vielleicht hat gerade diese Situation zu Hause dazu beigetragen, dass ich die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Frau und Mann erst spät wahrgenommen habe. Für mich hatte sich diese Ungleichheit immer als Klassenunterschied oder als Mangel persönlicher Stärke und Entschlossenheit dargestellt. Meine Beziehungen waren immer gleichberechtigt, das war für mich und meine Partner eine wichtige Voraussetzung.

 

Welche Rolle spielte die Mode in diesem Zusammenhang? Konnte sie als Statement für ein bestimmtes Lebensgefühl dienen?

ES: Mode half mir. Ich verstand mehr von Mode als die meisten Mädchen in meiner Umgebung. Gegen Mode konnte ich mich gar nicht wehren, ich war begeistert von ihr. Außerdem half sie mir dabei, mich so zu definieren, wie ich gesehen werden wollte. Wien war abwechslungsreich. Ich sah schöne Häuser, Wohnungen, Gegenstände und eine Art zu leben, die ich nicht kannte. Ich nähte für meine Freundinnen aus gutem Hause Kleider und blieb dabei gleichzeitig unabhängig.

 

Schicke Kleidung war in der Nachkriegszeit Mangelware. Umso mehr waren Sie schon früh von den Schnitten und Looks angesagter Couturiers beeindruckt. Kann Sie die heutige Mode noch überzeugen?

ES: Ich sehe noch immer große Möglichkeiten der Selbstdarstellung durch die Mode. Nur hat sich heute vieles geändert. Es ist unter Umständen wichtiger, sich durch einen Verzicht auf Mode zu definieren. Es gibt heute auf jeden Fall schöne und interessante Mode, nicht zuletzt durch die neuen technischen Möglichkeiten der Produktion und die Vielzahl neuer Materialien. Aber die Welt um uns ist in Aufruhr, das Thema Mode kann einfach nicht mehr dieselbe Wichtigkeit haben, wie das vor 20 Jahren noch der Fall war.

 

Im Zusammenhang mit dem Medium Fotografie, insbesondere der analogen Schwarzweißfotografie, spielt Schwarz eine wichtige Rolle. Wie kam die Auswahl der fotografisch arbeitenden Künstler in Ihrer Schau zustande?

ES: Natürlich unterliegt sie gewissen Zufällen, doch habe ich Künstler wie Barbara Dörffler oder Michael Wittassek ausgewählt, die seit vielen Jahren mit enormer Konsequenz die Grenzen des Schwarz-Weißen ausloten und das Medium eher experimentell einsetzen.

 

Die Wiener Modeschöpferin Gertrud Höchsmann war eines Ihrer ersten Vorbilder. Was reizte Sie an Höchsmanns Stil?

ES: Ich kam von der Modeschule direkt zu Gertrud Höchsmann. Ich war damals etwas unzufrieden mit dem, was ich als Modedesignerin gelernt und zu sehen bekommen hatte. Bei Höchsmann war das anders. Das fing schon bei den wunderbaren raffinierten Stoffen an, setzte sich weiter fort bei den ausgefeilten Schnitten, mit denen ein Entwurf perfekt realisiert wurde und zeigte sich nicht zuletzt auch bei den Kleiderproben, bei denen ich lernte zu verstehen, wie ein Kleidungsstück eine ganz eigene Balance am Körper haben muss, um gut auszusehen. Abgesehen von dieser Perfektion in der Ausführung waren ihre Entwürfe sehr diskret, raffiniert und zurückhaltend. Das alles gefiel mir sehr – ich war aber auch von ihr als Mensch sehr beeindruckt. Sie war klug, konsequent, fast anspruchslos und musste sich in ihrer ganzen Zeit als Modedesignerin mit den Wünschen und den unmodischen runden Körpern und Launen ihrer Kundschaft herumschlagen. Das war gar nicht so glamourös, wie ich es mir vorgestellt hatte.

 

Welche Modeschöpfer bewundern Sie heute?

ES: Heute interessiert mich, wie junge Designerinnen sich positionieren – oft ganz in der Nähe der Kunst. Experimente mit der Mode sind immer auch soziale Experimente. Sie zeigen eine Haltung: die des Modeschaffenden einerseits und die der Person, die sich mithilfe der Kleidung darstellt, die eben nicht nur Schmuck ist.

 

Bevor Sie hinter die Fotokamera wechselten, arbeiteten Sie als Model in Paris. Wie wurde dieser Beruf gesellschaftlich wahrgenommen?

ES: Meine Freunde kamen alle aus dem Modeoder Künstlermilieu. Gemäß der französischen Verfassung war es Frauen damals verboten, mit ihrem Körper Geld zu verdienen. Das wurde dann in den 70ern geändert. Wir Models sollten alle sieben Jahre Sozialversicherungsbeiträge nachzahlen. Das war für die meisten von uns eine Katastrophe und hat unter anderem meinen Entschluss beeinflusst, nach Wien zurückzukehren.

 

Die Modefotografie war damals zu großen Teilen in männlicher Hand. Welche Möglichkeiten bot Ihnen der Wechsel hinter die Kamera? Inwiefern unterschied sich Ihr Blickwinkel auf die Models von jenem Ihrer männlichen Kollegen?

ES: Das stimmt, es gab nur zwei Frauen, die ich kannte: Regina Relang, die in Deutschland lebte, und eine weitere deutsche Modefotografin, die in die USA übergesiedelt war. Ich fand schon als Model das Verhalten der Fotografen oft nicht sehr konstruktiv. Man wurde häufig alleingelassen und war dazu angehalten, einfach irgendetwas zu tun oder bekannte Posen zu wiederholen. Als Fotografin wollte ich niemanden alleine lassen. Meine Haltung war also eine völlig andere und noch heute erzählen mir meine damaligen Models, ich sei die einzige gewesen, die sie ernst genommen habe.

 

In den 70er Jahren lernten Sie den Künstler Kurt Kocherscheidt kennen, sie heirateten und bekamen Kinder. Er öffnete Ihnen die Tür zur Kunstwelt. Wie veränderte sich Ihr Blick?

ES: Kurt Kocherscheidt vertiefte meinen Blick auf die Kunstwelt. Ich hatte schon sehr früh beschlossen, in dieser Welt leben zu wollen – sie war ein wichtiger Teil meiner Umgebung. Ich habe meine Arbeit immer an der Kunst gemessen.

 

Sie leben in New York und im Burgenland – es könnte kaum gegensätzlichere Orte geben. Auf der einen Seite das laute, reizüberladene Leben in einer Megacity, auf der anderen das heimelige Landleben. Wie lässt sich beides vereinbaren?

ES: Das muss man nicht vereinbaren. Das eine bedingt das andere!

 

Frau Semotan,

vielen Dank für das Gespräch!