mai 2017 | stadtzauber interviewt

Gregor Jansen

 

Leiter der Kunsthalle Düsseldorf

 

Herr Jansen, die Kunsthalle Düsseldorf hat im April ihr 50-jähriges  Bestehen gefeiert. Worauf sind Sie, rückblickend auf Ihre Zeit als Leiter der Kunsthalle, am meisten stolz?

GJ: Ich war und bin immer stolz auf die Geschichte dieses Hauses und seine Energie, dieses Kraftwerk an Möglichkeiten. Unter Berücksichtigung des Traumas eines drohenden Abrisses Ende der 1990er Jahre und der ungeheuren Solidarität der Künstlerinnen und Künstler damals, die das zu verhindern wussten, bin ich stolz, dass wir immer noch das Haus mit der wohl größten Künstlerreputation in Deutschland sind und es auch weiter interdisziplinär ausgebaut haben.

 

Mehr als 500 Ausstellungen wurden in der Kunsthalle seit ihrer Neuerrichtung 1967 am Grabbeplatz gezeigt. Gibt es einen roten Faden, der sich durch die Präsentationen zieht?

GJ: Die Ausstellungsgeschichte des Hauses begründet die Identität der Kunsthalle, welche über die 50 Jahre logischerweise unter anderem soziopolitischen, kulturellen, medialen, ganz allgemein starken Veränderungen unterworfen war, aber letztlich ein Who-is-Who der Kunstgeschichte bildet. Einen roten Faden sehe ich in Momenten, wenn wir: am Puls der Zeit sind; das tun, was notwendig ist; nie tendenziös, sondern immer offen und unabhängig agieren.

 

Woran lässt sich am deutlichsten erkennen, dass innerhalb der letzten 50 Jahre ein soziokultureller Wertewandel stattgefunden hat?

GJ: Am Unsinn, der bei allen möglichen Events über die Künstler, die Kunst, den Kunstmarkt, die globalen Veränderungen und Messen, Biennalen etc. erzählt wird, und daran, dass die Kennerschaft und das leidenschaftliche Interesse immer mehr zu Gunsten geschwätziger Investoren- und Eventmentalität abgelöst wird. Kunst gehört heute zu einer Kultur des hedonistischen Luxus und der Heuchelei, das war früher keinesfalls so. 50.000 Besucher in fünf Tagen Akademie-Rundgang, die haben wir in einem Jahr.

 

Die Verbindungen zur belgischen und niederländischen Kunstszene liegen allein schon geografisch gesehen auf der Hand. Welche Synergieeffekte lassen sich durch die Begegnungen zwischen Künstlern, Galeristen, Sammlern und Institutionen im Programm der Kunsthalle Düsseldorf ausmachen?

GJ: Die BeNeLux-Länder waren immer schon nah, aber durch die Achse  Köln-New York in den 1980ern, durch London und den Berlin-Hype seit den 90ern sind die wundervoll engen Beziehungen nach Amsterdam, Eindhoven, Antwerpen, Brüssel, Gent und viele weitere Städte zum Rheinland vernachlässigt worden. Die Spannung und Nähe liegt im Widerspruch des Protestantisch-Katholischen, Kulinarisch-Lebenslustigen, der Bierseligkeit, einer ungemein surrealen bis ästhetisch minimalistisch gebenden Künstlerschaft, bis hin zu den unglaublich gebildeten Sammlerinnen und Sammlern Belgiens, dem wahren Ort der Konzeptkunst in der Welt... Ehemalige und zukünftige Verknüpfungen sind, wie auch momentan, mit Galerien wie Konrad Fischer und wide white space, Ausstellungen wie „prospect“ und mit Panamarenko, Marcel Broodthaers, Marijke van Warmerdam oder Lili Dujourie gegeben. Für uns entstehen so neue Achsen jenseits des Main- oder Jetstreams.

 

Mit The Group 1965, Koo Jeong A, YIN Xiuzhen, Cody Choi und SONG Dong haben Sie 2012 und 2015 einen weiteren Schwerpunkt auf zeitgenössische asiatische Kunst gelegt. Welche Überschneidungspunkte gibt es in Bezug auf Ihre programmatische Leitlinie?

GJ: Die asiatische Kunstszene ist die größte der Welt, wenn Sie allein an die Hälfte der Weltbevölkerung in China und Indien denken. Düsseldorf ist ein Lebens- und Handelszentrum für sehr viele Menschen aus Japan, China und auch Korea, von wo beispielsweise viele Studierende der Kunstakademie stammen (wegen Paik), sodass es aufgrund meiner Expertise in diesen Ländern logisch erscheint, auch hier neue Achsen aufzuzeigen. Mir war dabei immer wichtig, dass die Kunst aus Asien Türen öffnet. Durch diese müssen wir gehen, um die sich global sehr schnell verändernde Welt verstehen zu lernen.

 

Kunstvereine haben im Gegensatz zu Museen die Möglichkeit, freier und experimenteller zu arbeiten. Gleichzeitig gehören zahlreiche der damals gezeigten künstlerischen Positionen heute zum Bestand internationaler Museumssammlungen. Inwieweit beeinflussen Sie mit Ihrem Programm den Kunstmarkt? Welche Rolle spielt dieser Aspekt bei Ihrer Ausstellungsplanung?

GJ: Keinen, jedenfalls hat mich das noch nie interessiert, da wir im Gegensatz zu einigen Kunstvereinen nicht an den Verkäufen aus Ausstellungen profitieren. Dass wir den Kunstmarkt mit beeinflussen, mag sein oder ist nachvollziehbar, da das Interesse an Künstlerinnen und Künstlern natürlich auch mit ihrer Präsenz steigen sollte. Es mag auch sein, dass Kunstvereine freier und experimenteller arbeiten, aber unsere Formate unterscheiden sich ja deutlich.

 

Ihr Vertrag wurde bis Ende 2019 verlängert. Gibt es ein besonderes Thema, das Sie in Zukunft stärker verfolgen und fokussieren möchten?

GJ: Ich habe momentan Pläne bis Ende 2018. Dabei geht es mir erstmal um das Jubiläumsjahr bis zum Sommer nächsten Jahres, danach um die Anknüpfung an die oben erwähnten Achsen.

 

Welches Buch können Sie unseren Lesern aktuell empfehlen?

GJ: Auch wenn es schon zehn Jahre alt ist: Thomas Pynchons „Gegen den Tag“ ist für mich ein absolut geniales Wahnsinnswerk zwischen irreal und real, irgendwie belgisch-deutschamerikanisch-asiatisch, fast wie die Kunsthalle, nur haben wir keinen sprechenden Hund. Schade eigentlich.

 

Herr Jansen,

vielen Dank für das Gespräch!