juli 2017 | stadtzauber interviewt

Susanne Gaensheimer

 

Leiterin der Kunstsammlung NRW

 

Frau Gaensheimer, am 01. September 2017 ist es soweit: Sie sind dann offiziell Leiterin der Kunstsammlungen NRW. Was erwartet die Besucher im Herbst?

SG: Das neue, gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Team der Kunstsammlung entwickelte Programm für K20 und K21 beginnt Ende des Jahres. Im K 21 wird es ein sehr internationales Ausstellungsprogramm geben und eine neue Präsentation der Sammlung der Gegenwartskunst. Wir werden außerdem mit einer Reihe von Performances beginnen, die in Zukunft regelmäßig stattfinden soll. Und schließlich freue ich mich auf ein breites Angebot im Bereich Bildung und Vermittlung. Im K 20 werden wir im Dezember eine ganz besondere Ausstellung zeigen: eine Künstlerin der Nachkriegsmoderne, die mit Künstlerkollegen wie Barnett Newman und Mark Rothko befreundet war und bislang noch keine Übersichtsausstellung in Europa hatte. Darauf freue ich mich besonders.

 

Als ausgewiesene Expertin der Gegenwartskunst kommen Sie nun an ein Haus mit einer bedeutenden Sammlung der Klassischen Moderne. Welchen Ansatz werden Sie verfolgen, wo sehen Sie die Herausforderungen?

SG: Die Kunstsammlung NRW ist eine der bedeutendsten und charismatischsten Sammlungen der westlichen Moderne. Heute, in einer Zeit, in der die globale Perspektive alle Lebensbereiche betrifft und durchdringt, müssen wir diese Perspektive auch auf die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts beziehen und fragen: Womit können wir unsere Geschichte der Moderne noch ergänzen? Es gibt andere Entwicklungen auf der Welt in dieser Zeit, die wir hinzufügen wollen, um unseren Horizont zu erweitern.

 

Das groß angelegte Forschungsprojekt „museum global“ setzt sich seit 2015 für eine globalgeschichtliche Perspektive auf die Moderne ein. Mit einer im April 2018 geplanten Ausstellung soll der Blick auf andere Erzählungen der Moderne jenseits des westlichen Kanons gelenkt werden. Warum ist es wichtig, diesen Perspektivwechsel vorzunehmen?

SG: Ja, wir beteiligen uns seit einiger Zeit an dem großen Unternehmen „museum global“, das von der Bundeskulturstiftung initiiert wurde. Das ist ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt, für das wir in allen Erdteilen recherchieren. Die Ergebnisse wollen wir Ende nächsten Jahres in einer großen Ausstellung präsentieren. Das wird kein einmaliges Ereignis sein, sondern auch die Grundlage dafür, wie wir in Zukunft mit der Sammlung arbeiten werden.

Der Prozess des globalen Denkens und die damit verbundene Relativierung unseres eurozentristischen Selbstverständnisses ist inzwischen auch in die Kunst- und Geisteswissenschaften eingedrungen. So verstehen wir heute, dass unser Konzept von „Moderne“ nur eines von vielen möglichen ist. Das müssen wir reflektieren, weil wir sonst unserem Gegenüber nicht mehr gerecht werden.

 

Die Kunstsammlungen NRW vereinen drei Häuser unter einem Dach: K20, K21 und F3/ Schmela Haus. Mit der Koordinierung mehrerer Standorte kennen Sie sich aus. Ihnen ist es 2014 gelungen, das MMK um eine Dependance zu erweitern. Welche Vorteile hat das?

SG: Die neue Dependance befindet sich in einem von Tishman Speyer neu entwickelten Hochhauskomplex und liegt mitten im Frankfurter Bankenviertel. Das MMK 2 zeigt, dass man alternative architektonische Lösungen für Ausstellungsräume finden kann, um einer Sammlung mehr Raum und Sichtbarkeit zu verschaffen. Und interessanterweise haben wir im MMK 2 im TaunusTurm ein anderes Publikum als im Haupthaus. Ich persönlich finde alternative Formen der Präsentation von Kunst sehr spannend.

 

Die Digitalisierung von Museumsbeständen – ein wichtiges Thema für die Kunstsammlungen NRW – ist eine kostspielige Angelegenheit. Aber auch rechtlich gesehen stehen viele Sammlungen vor großen Herausforderungen. Sollte man das Urheberrecht zugunsten einer Sichtbarmachung von Beständen für eine breite Öffentlichkeit reformieren? Wie stehen Sie dazu?

SG: Wir haben festgestellt: Je präsenter wir im Netz sind, desto mehr Besucherinnen und Besucher kommen ins Museum, um dort die Originale authentisch zu erleben und persönliche Begegnungen zu haben. Gerade im Hinblick auf die jüngere Generation von Museumsbesuchern kann man die sozialen Medien nicht mehr wegdenken. Auch für die Vermittlung bietet der digitale Raum ganz neue Möglichkeiten. All das müssen wir in unsere Museumsarbeit integrieren und dafür die rechtlichen Grundlagen entwickeln.

 

Sie haben 2011 und 2013 den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig kuratiert, wofür Sie u.a. auch ausgezeichnet wurden. Welchen Eindruck haben die Biennalen bei Ihnen hinterlassen?

SG: Den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig kuratieren zu dürfen, habe ich als eine große Ehre empfunden. Die Zeit in Venedig war etwas ganz besonderes, Venedig ist einfach ein zauberhafter Ort. Und die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern in solch einem Umfeld ist sehr intensiv. Ich bin froh, dass ich das erleben durfte.

 

Welches Buch können Sie unseren Lesern aktuell empfehlen?

SG: Den sechsbändigen autobiografischen Roman „Mein Kampf“ des zeitgenössischen norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgaard – ein tiefgründiges und bewegendes Buch und eine literaturhistorische Revolution.

 

Frau Gaensheimer,

vielen Dank für das Gespräch!