stadtzauber interviewt

Valerie Weber

Hörfunk-Direktorin des WDR

 

Das SZ-Kulturmagazin stadtzauber hat seine Verbreitung in ganz NRW und ist auf das Kulturangebot in diesem Land speziell ausgerichtet. Dabei begegnet einem der WDR auf Schritt und Tritt in NRW. Sie, Frau Valerie Weber (WDR Hörfunk-Direktorin), sind hauptverantwortlich für das Radioprogramm im WDR, können Sie mit jeweils einem Satz den Zuhörer der einzelnen Radiosender des WDR grob charakterisieren? 1LIVE, WDR 2, WDR 3, WDR 4, WDR 5

VW: 1LIVE ist urbane Popkultur: provokant und kreativ im Sektor, WDR 2 ein journalistisch geprägtes Familienprogramm, WDR 3 das einzig gut-klingende landesweite Feuilleton, WDR 4 ein entspanntes Musikradio für Rock ’n‘ Roller, WDR 5 ein Radio mit Tiefgang und allem, was man wissen muss. Und WDR COSMO, das jüngste Kulturradio in der ARD und Europas aufregendste Verbindung der globalen Subkulturen.

Das wären jetzt mit meinen Worten die sechs UKW-Wellen, dazu kommen noch die beiden digitalen Angebote für die jüngsten Hörerinnen und Hörer: 1LIVE diggi und KiRaKa, das Radio für die kleinen Entdecker. Damit, hoffen wir, findet jede und jeder in Nordrhein-Westfalen sein Stück WDR, das ihr oder ihm das Leben jeden Tag ein bisschen wertvoller macht.

 

Heute können die Menschen ihre Endgeräte immer bei sich haben, in erstklassiger Qualität, an allen gewünschten Orten, sie können Filme abspielen und das Angebot von z. B. Netflix, YouTube, Spotify und vielen weiteren privaten Streaming-Anbietern nutzen. Es gibt keinen Ton mehr ohne Bild. Selbst das Musikhören wird oftmals mit Videos begleitet und ein Nachrichtenformat wie die „Tagesschau“ braucht ihre Videosequenzen, um auf ihrer Website „Klickzahlen“ zu erreichen. Es ist festzuhalten, dass das alleinige Lesen und das alleinige Hören gegenüber der neuen Dimension „Hören mit Bild“ stark in Konkurrenz steht. Hinzu kommt, dass der Medien-Nutzer seinen Bedarf zu jeder von ihm gewünschten Uhrzeit im Web abrufen kann.

Wie wollen Sie den Menschen weiter begeistern, damit er genau in diesem Moment, in dem etwas gesendet wird, „zuhört“ und auf das Bild verzichtet, haben Sie neue Ideen? Ist es eine neue Tatsache, dass sich der „Kuchen“ der Mediennutzer im vielfältigen Angebot neu aufteilt und z. B. der „junge Hörer“ weniger erreicht wird?

VW: Erstmal Widerspruch: Neben dem klassischen Medienkonsum werden nicht nur Videos, sondern auch Audios immer beliebter. Wenn Sie nur mal auf die Zahlen für Podcasts schauen: Fast zwei Drittel aller Downloads und on-demand-Abrufe im WDR sind Podcasts der Radiowellen. Zeitungen bringen Audio auf ihre Webseiten, Sprachsteuerungen wie Alexa erobern immer mehr den Markt und die Haushalte. Deshalb finde ich ist die Aussage falsch, es gebe keinen Ton mehr ohne Bild.

Wahr ist: Menschen hören immer mehr on-demand und weniger nach SendeschemaDeshalb haben wir zum Beispiel die ARD-Audiothek, in der Sie unsere Inhalte jederzeit abrufen können.

Aber die linearen Radiowellen haben weiter das Ziel, Ansprechpartner und Tagesbegleiter für die Menschen zu sein. Das schaffen sie zum Beispiel mit Live-Events und Persönlichkeiten, denen man gerne zuhört. Und weil tatsächlich der Druck für junge Wellen da am größten ist, findet 1LIVE zum Beispiel sehr innovative Wege, sein Publikum anders zu erreichen. Der 1LIVE Informant ist so ein Beispiel, ein Chatbot über den Nutzer Nachrichten bekommen können. Oder der 1LIVE Instagram-Kanal mit mehr als 190.000 Abonnenten.

 

Die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten werden aufgrund des Pflichtbeitrages „Rundfunkneitrag“ oft infrage gestellt.

Sollen die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten weiter in einer sich dynamisch entwickelnden Medienlandschaft diesen gesetzlichen Schutz genießen und warum?

VW: Ich finde ja. Gerade in diesen Zeiten, in denen jeder und jede im Netz senden kann, in denen jede Meinung zu allem gepostet werden kann, braucht es Qualitätsmedien, die einen besonnenen Umgang mit Wahrheit und Meinung, und mit Fakten und Vermutungen erkennen lassen. Es braucht Quellen, deren einziges Interesse es ist, sorgsam zu informieren, klug zu unterhalten und nachhaltig zu bilden.

Ich sehe aber auch, dass wir diese Legitimation besser erklären müssen. Wir können nicht einfach voraussetzen, dass jede und jeder diesen Wert von Qualitätsmedien ganz selbstverständlich sieht. Deshalb finde ich es wichtig, darüber immer wieder zu sprechen.

 

Mit den Hörfunksendern des WDR engagieren Sie sich besonders für die Kultur in NRW. Ein eigenes Format, z. B. „Kulturpartner“, ist eine gesetzte Marke. Was hat es auf sich mit diesem Bekenntnis bzw. mit dieser Marke? Sind solche verstärkten Marken/Formate evtl. auch die Zukunft, um „das Hören“ mit neuer interaktiver Energie bei den Mediennutzern zu platzieren?

VW: Tatsächlich spielt Vernetzung in den heutigen Zeiten die entscheidende Rolle. Das hat WDR 3 schon früh erkannt und inzwischen eines der größten und aktivsten Netzwerke für Kultur in Deutschland aufgebaut.

Die Idee der WDR 3 Kulturpartner ist: Rund 120 Kultureinrichtungen, Festivals und Organisationen haben mit der multimedialen Plattform des Kulturradios einen Partner, der für Austausch untereinander sorgt. Und der dabei hilft, dass die Kulturangebote jedes einzelnen Partners bekannt werden – ohne dass ein einziger Euro gezahlt wird. Im besten Fall erfahren so mehr Menschen von den einzigartigen Veranstaltungen, es kommt mehr Publikum, die Kulturszene erhält dadurch auch wirtschaftlichen Auftrieb, und so manches Projekt ist schon aus den Kontakten der Partner untereinander entstanden.

 

Welches Buch können Sie unseren Lesern aktuell empfehlen?

VW: Als Radio-Frau würde ich lieber Hörtipps geben. Als erstes die „Die Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling. Das sind witzige und kluge Texte über eine Wohngemeinschaft mit einem Känguru, in der alle möglichen gesellschaftlichen Themen angesprochen werden. Interessant dabei ist, dass das Buch – oder vielmehr die Buchreihe – ja auf eine Podcast-Serie zurückgeht, die Marc-Uwe Kling vor fast 10 Jahren beim rbb produziert hat. Es macht also auch echt Spaß sie zu hören. Marc-Uwe Kling hat übrigens mit seinem neuen Buch „QualityLand“ im März 2018 auch den „WDR Publikumspreis“ als bestes Hörbuch gewonnen.

Und als zweites empfehle ich sehr die Hörspiel-Serie „Der nasse Fisch“. Das Buch ist ja unter dem Titel „Babylon Berlin“ verfilmt worden und läuft zur Zeit im Ersten. „Der nasse Fisch“ wird danach in allen Kulturradios der ARD ausgestrahlt, ab dem 22.10. jeden Abend um 19 Uhr auf WDR 3 und natürlich auch zum Nachhören schon jetzt in der ARD-Audiothek.

 

Frau Weber,

vielen Dank für das Gespräch!

November 2018