stadtzauber interviewt

Sabine Voggenreiter

Kulturwissenschaftlerin

 

Sabine Voggenreiter, Kulturwissenschaftlerin, Kulturmanagerin, Designexpertin, Initiatorin und Gründerin sowie seit 30 Jahren Geschäftsführerin der PASSAGEN.

Neben dem Festival „plan“ und dem Förderprojekt „Design Quartier Ehrenfeld“ zeichnet sie verantwortlich für viele internationale Projekte, Ausstellungen und Publikationen im Bereich Design, Architektur und Urbanismus. Seit Jahren ist es ihr ein Anliegen, besonders junges Design zu positionieren.

 

Im Januar 2019 wird das von Ihnen ins Leben gerufene PASSAGEN-Programm 30 Jahre. Wenn Sie es als Kind betrachten, das jetzt seinen 30. Geburtstag feiert, wie würden Sie die guten wie auch die nicht so guten Charaktereigenschaften definieren?

SV: Also, ich verwende solche Vergleiche nicht, auch nicht im Hinblick auf andere Werke wie zum Beispiel „plan“. Als Werk, das lebt und „atmet“, indem es sich kulturell und sozial anreichert und eine gewisse Resilienz entwickelt hat, sehe ich die PASSAGEN aber schon. In der Geschichte und der öffentlichen Wahrnehmung von Design sind 30 Jahre eine lange Zeit und die PASSAGEN haben sich in all diesen Metamorphosen der Wahrnehmung gewandelt, ohne den ursprünglich angelegten Charakter zu verändern. Es ist schön zu sehen, wie im Laufe der Zeit das Design demokratischer und die allgemeine Urteilsfähigkeit des Publikums stark geworden sind. Daran haben die PASSAGEN mitgewirkt.

 

Sie selbst sind ein Charakter, der aus meiner Sicht große Qualitäten hat. Viele wollten in den letzten Jahren immer wieder Ihr Programm durch die aus ihrer Sicht „tolle Idee“ bereichern oder sie waren flott mit ihrer Kritik zum PASSAGEN-Programm.

Zu großen externen Kooperationen ist es nicht gekommen, mag das dadurch gekommen sein, dass die vermeintlich gut gemeinte Idee nicht gut war und oder dass viele nur Trittbrett fahren, geschweige denn Geld mitbringen wollten?

SV: Das halte ich aber für ein Gerücht! Für gute Ideen bin ich sehr empfänglich und ich habe ja auch immer wieder neue Ansätze und Ideen eingearbeitet wie die Designers Fair oder den Design Parcours Ehrenfeld oder das Cross Over mit der Architektur. Daran sieht man schon, dass mir der kulturelle und soziale und auch der urbane Charakter der PASSAGEN sehr am Herzen liegt und weniger so etwas wie Marketing-Sprech oder Kommerz. Ich kann nur sagen, her mit den guten Ideen. Auch thematische Partnerschaften kann ich mir gut vorstellen und es passiert ja auch. Aber Sie haben natürlich recht, gemeckert wird in Köln immer und so was wie Neid habe ich selbstverständlich auch schon erfahren – aber ehrlich, ich würde mir Sorgen machen, wenn das nicht so wäre.

 

Sie sind Unternehmerin, mit einem Format wie den PASSAGEN kann man nicht viel Geld verdienen, es sein denn, wie heute oft praktiziert: Eine Marke ist mit Leidenschaft und Qualitätsinhalten entwickelt worden und wird dann verkauft. Nimmt man 360 Monate (30 Jahre) und diese mal 3.000,- Euro pro Monat ist man schnell bei einer Million Euro. Möchten, würden Sie verkaufen?

SV: Das ist ja eine lustige Milchmädchenrechnung (lacht). Aber Sie haben natürlich recht, von ehrlicher Arbeit ist noch niemand reich geworden. An Verkaufen habe ich noch nie gedacht, dafür ist mir das Projekt doch zu sehr ans Herz gewachsen. Ich mache das, was ich gut kann und was ich machen möchte, und zwar gerade im ständigen nicht unanstrengenden aber fruchtbaren Dialog mit vielen und für viele, das wäre dann eine etwas andere Art des Reichtums, nicht wahr?

 

Eine Stadt wie Köln hat ein großartiges Publikum, wie auch die Besucher zu den PASSAGEN und der internationalen Möbelmesse, sie sind offen und neugierig. Die Stadt selbst ist oft wie eine Lady, die ihre Qualitäten hat, sich manchmal aber sehr schlecht anzieht und oft vergisst, dass sie zu viel von ihren alten Geschichten erzählt und dabei sogar ihren Kindern die Show stiehlt. Wo, glauben Sie, muss sich Köln besser positionieren, erfinden und Schwerpunkte setzen, um den Anschluss an internationale Großstädte zu bekommen?

SV: Das sehe ich auch so, die Stadt ist sehr reich an Kultur und Kreativität, man spürt das ja allenthalben. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt kulturelle und kreative Räume mehr schützt und sie eben nicht dem neoliberalen Stadtentwicklungsgeschäft überlässt. Da könnte es langsam tatsächlich eng werden und darunter, dass Kreative aus der Stadt verdrängt werden, würde Köln dann sehr leiden. Auch im Design kann es nicht nur Hochglanz und High End geben, es muss immer auch etwas nachwachsen können und zwar ohne 150%igen Verwertungsdruck. Es muss auch Experimente geben können und sogar das Scheitern gehört dazu. So etwas wie Stadtmarketing im Sinne von Marke Köln oder Vermarktung von Kreativität und Alltagskultur sehe ich sehr kritisch, das ist ein rotes Tuch für mich.

 

Zurück zu dem, was die PASSAGEN ausmacht: Erzählen Sie uns von der inhaltlichen Klammer und von dem, worauf Sie sich in diesem Jahr besonders freuen?

SV: Ich glaube, zur inhaltlichen Klammer habe ich schon einiges gesagt. Im Grunde geht es um das Erlebnis von Design 1:1, bei dem die Stadt Köln die Bühne ist und bei dem Urbanität, Design und Architektur zusammenwirken, unabhängig davon, ob high oder low und dass man Inspiration sammelt, insbesondere auch dadurch, dass ich die Urheber treffen und kennenlernen kann.

 

Welches Designmöbel besitzen Sie nicht, warum auch immer, es ist Ihnen aber ein ganz besonderes, warum?

SV: Oh, ich besitze ganz viele Designmöbel nicht. Ich habe wirklich nur das, was ich brauche. Und was ich wirklich brauche, besitze ich auch. Wenn, dann denke ich da an „Originale", sagen wir mal von Jean Prouvé.

 

Nicht zu vergessen, Sie sind auch die Frau, die das Festival „plan“, neben Ihren vielen anderen Tätigkeiten, gegründet hat. Ein Format, das seine Ausrichtung auf Architektur hatte. Welche Architektur schätzen Sie?

SV: Grundsätzlich sind Architektur und Stadt für mich wesentliche „Lebensmittel“, sie können das Leben jedes Einzelnen sehr verbessern, und das kann und sollte Design auch, aber sie können es leider eben auch beeinträchtigen oder zerstören. Ich setzte dabei auf Architektur im Kontext, auf Architekturen, die sich aneinander anlehnen und so nachhaltig über Generationen aufeinander aufbauen, und eben nicht auf „Signature Architecture".

 

Danke, dass Sie zum Schluss des Interviews einen Satz/Gedanken zu Ende führen. Ich will es bewusst etwas flapsig formulieren: Der „Designzirkus“ sollte sich …

SV: … auf die Ressourcen und die Nachhaltigkeit der Produkte besinnen.

 

Frau Voggenreiter,

vielen Dank für das Gespräch!

Januar 2019

© Foto Büro Voggenreiter