stadtzauber interviewt

Olaf Kröck

Intendant der Ruhrfestspiele Recklinghausen

 

Welche Bedeutung hat das Theater für Sie?

OK: Das Theater hat immer schon die Frage nach dem Zusammenleben gestellt. Es hat immer schon auf den Menschen und die Gesellschaft in Augenblicken von Umbrüchen geblickt. Und es hat immer schon gezeigt und dazu beigetragen, wie die neuen, unüberschaubaren Herausforderungen des Lebens gemeistert werden können. Denn von Neuanfängen, von Aufbrüchen und Utopien erzählt das Theater seit seinen Ursprüngen.

 

Kann man sagen, dass die Ruhrfestspiele auch aus einem Umbruch entstanden sind?

OK: Ja, die Ruhrfestspiele selbst sind in einem Moment eines gewaltigen Umbruchs entstanden. Sie sind erwachsen aus einer Geste doppelter Solidarität. Die Bergarbeiter der Zeche König Ludwig 4/5 haben Kohle für ausgekühlte Theaterhäuser in Hamburg im Nachkriegswinter 1946/47 gespendet und die Hamburger Bühnen haben zum Dank Theaterkunst in das zerstörte Ruhrgebiet gebracht. Aber warum war das Ruhrgebiet überhaupt zerstört, warum brauchte es überhaupt die Kohle-Spende für die Theater der Hansestadt? Ein Krieg war gerade erst zu Ende gegangen. Eine Vernichtungsmaschine, die befeuert worden war von einer Ideologie, die der Vielfalt des Menschseins nichts als mörderische Verachtung entgegengebracht hatte. In den ersten Jahren des Friedens, in denen Zerstörung, Vertreibung, Schuld und verdrängte Verantwortung allgegenwärtig waren, wurde von Bergarbeitern aus Recklinghausen der Kunst und dem Theater die Aufgabe zugewiesen, die Zukunft wesentlich mitzugestalten. Die Kumpel von Zeche König Ludwig haben sich vermutlich nicht ausmalen können, was ihre Geste der Solidarität auslösen würde: Sie hat dazu geführt, dass im Herzen des Ruhrgebiets über die Jahre eines der wichtigsten Theaterfestivals in Europa entstanden ist. Allein dafür muss ihnen bis heute Dank und Respekt entgegengebracht werden. Aber gleichermaßen auch den Künstlerinnen und Künstlern, die erkannt haben, dass das Theater in Zeiten der Veränderung und Neuorientierung eine ganz besondere Kraft sein kann.

 

Wie geht es weiter, die damalige Kohle-Spende war der Schlüssel der Ruhrfestspiele - kann die Symbolkraft weiter überleben, nachdem jetzt die letzte Zeche geschlossen ist?

OK: Heute, nach über 70 Jahren, ist mit dem Ende des Steinkohlenbergbaus wieder ein Umbruch zu erleben. Ein großes Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik geht zu Ende, ein neues öffnet sich für das Ruhrgebiet, voller Ungewissheiten und Möglichkeiten. Eine solche Veränderung bringt Ängste mit sich, löst Wehmut und Trauer aus. Die Zukunft ist offen, voller Fragen. Manche versuchen, am Vergangenen festzuhalten. Auch die Ruhrfestspiele können sich über diese Realität nicht hinwegsetzen, sie sind ebenso Teil dieser Veränderung. Auch sie müssen sich weiterentwickeln, um der Gegenwart und Zukunft begegnen zu können. Sie können neue Fragen stellen, sie können die neuen Herausforderungen in den Blick nehmen, sie können eine besondere Kraft sein, diese komplexe und konfliktvolle Welt in ihren enormen Widersprüchen zu zeigen und helfen sie auszuhalten. Sie müssen sich an der Gestaltung der Zukunft beteiligen. Das gelingt, indem sie die Vergangenheit würdigen und Mut zur Veränderung aufbringen.

 

Welche künstlerische Vielfalt haben Sie in Ihrem Programm eingeladen, um Zukunft, Mut und Veränderung mit Inhalt zu füllen?

OK: Das Programm berührt eine Vielzahl von Themen, die – über die einzelne Veranstaltung hinaus – aufeinander Bezug nehmen. Wir fragen optimistisch, beispielhaft und utopisch nach dem Zusammenleben verschiedener Kulturen („Beytna“ von Omar Rajeh), gleichzeitig nach Formen und Geschichten von Grenzziehungen (Temp EST, Kunstaustellung von Penny Hes Yassour) und nach den Abschottungsfantasien in Europa („Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail, Regie: Hermann Schmidt- Rahmer). Wir stellen uns dem Kampf um Liebe und Freundschaft in einer von Traumata geprägten Biografie („Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, Regie: Ivo van Hove) und werfen einen lustvollen Blick in die höllischen Abgründe einer Ehe („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee, Regie: Karin Beier, u. a. mit Maria Schrader und Devid Striesow). Wir befragen romantische Sehnsüchte nach Lebendigkeit im Spätkapitalismus und untersuchen die Strukturen des Populismus („Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch; Regie: Kevin Barz). Wir haben ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das alle Bereiche des Theaters berücksichtigt. Herausragende Produktionen aus der ganzen Welt sind zu den Ruhrfestspielen 2019 nach Recklinghausen eingeladen. Dabei werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Theaters selbst. So haben wir mit „The Prisoner“ die jüngste Arbeit eines der wohl bedeutendsten Theatermachers des 20. Jahrhunderts koproduziert: Der 94-jährige Peter Brook kommt mit einer Deutschlandpremiere zu den Ruhrfestspielen. Außerdem zeigen wir die letzte Inszenierung des Dramatikers und Theatermachers Heiner Müller, der in diesem Jahr 90 Jahre geworden wäre. Seine 24 Jahre alte Inszenierung „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht zählt bis heute zu den Meilensteinen der Theatergeschichte. Und dem großen alten Theatermagier Roberto Ciulli und seinem Theater an der Ruhr widmen wir eine Werkschau. Begleitet wird diese Befragung der Geschichte von hochkarätigen Schauspieler*innen-Lesungen und von der neuen Gesprächsreihe des Literaturkritikers und Moderators Denis Scheck: Er bittet Jahrhundertzeugen wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, den Filmemacher und Autor Georg Stefan Troller und den großen amerikanischen Schriftsteller Louis Begley zum Gespräch, damit wir nicht vergessen, damit wir noch einmal aus ihren Geschichten lernen können. Aber natürlich kommen auch junge Theatermacherinnen und Theatermacher zu den Festspielen. So zeigt die #jungeszene in der Halle König Ludwig, was sie heute in Deutschland, Frankreich, Indien, dem Iran, der Elfenbeinküste oder Argentinien bewegt. Sie alle zeichnet vor allem aus, dass die Grenzen fließend werden: Tanz trifft auf Akrobatik, Performancekunst auf Show, Dokumentarisches Theater auf Popkultur. Sie alle wollen unterhalten und haben zugleich ein ernsthaftes, inhaltliches Anliegen. Besonders möchte ich dabei auf das „OWELA-Festival“ hinweisen: Das Projekt ist ein Austausch zwischen Künstler*innen aus Namibia und Deutschland, die gemeinsam über die Zukunft der Arbeit nachdenken.

 

Welche Rolle hat die Zukunft, wenn wir den Blick auf die junge Generation richten?

OK: Über die Zukunft möchten wir uns auch mit denjenigen Gedanken machen, die besonders darauf angewiesen sind, dass wir sie in einem guten Sinne gestalten. Die Produktionen unseres Kinder- und Jugendprogramms drehen sich um die Frage, wie wir Zugang zu unserer Welt gewinnen und sie handelnd gestalten können.

 

Zugang ist ein gutes Stichwort, gibt es neue Formen der Erzählweise bei den Ruhrfestspielen?

OK: Wie gesellschaftliche Themen und Geschichten mit ganz anderen Mitteln erzählt werden, zeigt der Neue Zirkus. Weltweit etabliert er sich zunehmend als ein eigenes, bedeutendes Theater-Genre. Der innovative, internationale Neue Zirkus bildet bei den Ruhrfestspielen auch weiterhin einen Schwerpunkt, gehörten doch die Zirkusproduktionen auch in den letzten Jahren schon zu den vielbesuchten Highlights der Festspiele. Die ganze Bandbreite spektakulärer Akrobatik, atemberaubender Bilder und faszinierender Geschichten erlebt man in unterschiedlichen Spielstätten, auf der ganz großen Bühne bis hin zum intimeren Rahmen des Festspielzelts.

 

Unterschiedliche Spielstätten sind sicherlich gelungene Interaktionen mit dem Stadtraum. Die Stadt, die Städte, das Ruhrgebiet – hat die Stadt eine Zukunft?

OK: „Was ist die Stadt anderes als die Menschen, die in ihr leben?“ Das fragt der britische Konzept-Künstler Jeremey Deller in seiner Arbeit (4. Mai, Rathausplatz). Die Antwort auf diese überraschend einfache rhetorische Frage lautet: Wir sind die Stadt, jede und jeder einzelne von uns. All unsere Eigenheiten, unsere Erlebnisse und Erfahrungen, unsere Ängste, unsere Sorgen und Nöte, unsere Träume, Hoffnungen und Vorstellungen von der Zukunft prägen unsere Gemeinschaft. Das funktioniert nicht einfach so, ohne Konflikte. Eine Gemeinschaft kann nicht existieren, ohne sich immer wieder kontrovers mit der Frage auseinanderzusetzen: „Wie wollen wir überhaupt gemeinsam leben?“.

 

Welches Buch möchten Sie unseren Lesern empfehlen?

OK: „Lügen in Zeiten des Krieges“ von Louis Begley, „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ von Torben Kuhlmann

 

Herr Kröck,

vielen Dank für das Gespräch!

Mai 2019