stadtzauber interviewt

Rozbeh Asmani

Künstler

 

150 Litfaßsäulen sind in einem von dem Künstler Rozbeh Asmani entwickelten Farbkonzept plakatiert. Bei den Farbtönen handelt es sich um sogenannte Farbmarken, die von Konzernen zu Werbezwecken beim Deutschen Patent- und Markenamt geschützt wurden. Die temporäre Installation im Stadtraum visualisiert den Einfluss von Firmenfarben auf unser kollektives Gedächtnis. Asmani eignet sich im Freiraum der Kunst diese Farben an und demonstriert damit ihre Unabhängigkeit. Losgelöst von Namen, Logos und Produkten bleiben die Farben rätselhaft und unbestimmt. Die öffentliche Darstellung der besetzten Farben ist eine Demonstration ihrer Unverfügbarkeit.

Asmani befasst sich in seiner Kunst mit der, wie er sagt, „uns über Gebühr vertrauten Farben- und Formensprache des Kapitalismus“. 2017 erschien sein Künstlerbuch „72 Colourmarks“, das alle eingetragenen Farbmarken dokumentiert. 2018 wurde die erste Litfaßsäule als dauerhafte Außenskulptur vor den Eingang der Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf aufgestellt.

 

colourmarks.de

 

Aktuell sind bis Anfang Oktober etwa 150 Litfaßsäulen in Düsseldorf zu sehen, die Sie verantwortlich mit ihrem Projekt Colourmarks „bespielen“. Kunst im öffentlichen Raum – wie ist es zu diesem Projekt gekommen? Es soll mit Schokolade begonnen haben?

RA: Nehmen Sie einen Schokoladen-Nikolaus, der zur Weihnachtszeit in Deutschland mehr als 130 Millionen Mal verkauft wird. Stellen Sie sich vor, sie sehen nicht einen in der christlichen Welt bekannten Mann mit Bart und rotem Mantel, sondern eine muslimische Frau im schwarz-blauen Tschador. 3.000 Exemplare dieses Multiples „Shirin“ ließ ich 2009 herstellen und griff damit unwissend in die Logik der industriellen Produktion ein: Ursprünglich sollte die Schokoladenfigur mit einer lilafarben Aluminiumfolie umwickelt werden. Da aber Lila, wie ich durch die Druckerei erfuhr, im Zusammenhang mit Schokolade für das Produkt „Milka“ im Markenregister eingetragen ist, musste mein Entwurf farbig korrigiert werden. Was zunächst aussah wie ein Einschnitt in meine künstlerische Freiheit, stellte sich als Glücksfall heraus. Aus Lila wurde Blau und zugleich fand ich heraus, dass meine Schokoladenfigur mit der ersten abstrakten Farbmarke kollidierte, die der multinationale Lebensmittelkonzern „Kraft Foods Schweiz Holding“ 1995 für seine Schokolade beim Patent- und Markenamt eintragen ließ. Anschließend habe ich alle Farbmarken recherchiert. Sie bilden die Grundlage meiner heute, 2019, umfassendsten Werkserie „Colourmarks“. Ich visualisiere den Einfluss auf unser kollektives Gedächtnis, der dadurch entsteht, dass Farben von Firmen exklusiv verwendet werden können. Während die Colourmarks als Siebdrucke und C-Prints im Museum, Galerieraum oder als Buch ihre ästhetische Wirkmacht entfalten, sind sie von Juli bis Oktober für drei Monate in ganz Düsseldorf auf über 150 Litfaßsäulen zu sehen. Zehn Jahre nach meiner ersten Beschäftigung erobern sich die „besetzten“ Farben den urbanen Raum zurück. Durch diese künstlerische Aneignung werden sie an der Litfaßsäule, dem Urort der Werbung in der Stadt, wieder der allgemeinen Betrachtung freigegeben.

 

Mit dieser Arbeit möchten Sie Menschen für ihre Wahrnehmung sensibilisieren, warum?

RA: Als Künstler, der jeden Tag mit Farben arbeitet, habe ich mich gewundert, warum ein Produzent von Schokolade eine Farbe exklusiv beanspruchen kann. Die Wirkung von Farben ist auf evolutionär bedingte Eigenschaften zurückzuführen. Farben können bis zu zweihundertmal schneller wahrgenommen werden als grafische Elemente und Schrift. Bereits bei flüchtiger Betrachtung entsteht ein bleibender Eindruck. Wenn man von Warnschildern im Straßenverkehr absieht, wurden in unserer modernen Gesellschaft diese kommunikativen Funktionen von Farben, die einst für das Überleben in der Natur wichtig waren, fast ausschließlich durch kommerzielle ersetzt. Der moderne Mensch sucht seine Nahrung kaum noch in der Natur, sondern im Supermarkt und inzwischen auch im digitalen und urbanen Raum. In der Natur werden Insekten und Vögel durch Farben auf Bestäubungsobjekte wie Blumen und Blüten hingewiesen. Sehr gezielt kennzeichnen Firmen ihre Produkte mit Farben und sprechen damit die sensorischen Empfindungen der Konsumenten an. In der Werbung ist Farbe der Klebstoff fürs Auge.

 

Das Projekt ist aktivistisch und nicht zuletzt politisch, wollen Sie die Farben „befreien“ und damit als Künstler zu einer neoliberalen Gesellschaft Position beziehen?

RA: Es handelt sich um ästhetische Absichten, die politische Konsequenzen haben können. Kunst kann etwas schaffen, das über das Mögliche hinausgeht. Künstlern kommt in unserer Demokratie ein ganz besonderes Grundrecht zu, das Recht auf Kunstfreiheit. Ursprünglich wurde dieses Gesetz verfasst, um die Einflussnahme totalitärer Systeme zu verhindern. Kunstschaffende sollten damit vor Eingriffen der öffentlichen Gewalt geschützt werden. In unserer marktorientierten Gegenwart spielen multinationale Konzerne eine dominante Rolle. Sie stellen Monopolansprüche an Farben, Formen, Begriffe und sogar Gerüche. Dabei merken wir nicht, dass durch den Prozess der Markenbildung auch unser natürliches Begehren, unser persönliches Sehen und Erinnern gelenkt werden.

 

Patente greifen immer mehr um sich, zum Beispiel können Gerüche patentiert werden und selbst die unvorstellbare Vergabe eines Patents zu Lebewesen ist nicht auszuschließen. Was konnten Sie in Bezug auf solche Patente bei Ihren Recherchen erfahren?

RA: Ich machte in dem Zusammenhang eine erstaunliche Entdeckung: 1980 kam es in den USA zu einer wegweisenden Urteilsverkündung: Der US Supreme Court entschied, dass grundsätzlich „alles unter der Sonne von Menschenhand Erschaffene“ patentierbar ist. Infolge dieser richterlichen Entscheidung sind in den Vereinigten Staaten die Schutzbereiche geistigen Eigentums ausgeweitet worden. Diese Urteilsverkündung leitet eine Revolution im Bereich der biotechnologischen Patente ein. Damit sind auch Pflanzen, sofern sie sich ungeschlechtlich vermehren lassen, als Züchtungen neu erfunden und im Labor kultiviert werden, patentierbar. Zehntausende Zierpflanzen sind inzwischen patentiert worden, darunter über 3.000 Chrysanthemensorten. Diesen widme ich eine eigene Werkgruppe.

Im Oktober 2000 wurde ein weiteres sinnliches Phänomen beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum angemeldet: der „Duft von frisch gemähtem Gras“.

Nachdem ein Gutachter der Eintragung als Riechmarke widersprochen hatte, entschied die Beschwerdekammer in nächster Instanz, dass nur die sprachliche Bezeichnung „The Smell of Fresh Cut Grass“, in elf europäischen Sprachen, den Anforderungen der grafischen Darstellbarkeit einer Marke genüge. Damit wurde dieser im Zusammenhang mit Tennisbällen offiziell markenrechtlich gesichert.

Dieses Phänomen wurde ein weiteres Thema meiner Arbeit. In Zusammenarbeit mit einem Magazin wurde dieser Geruch als Duftlack auf das Cover gedruckt. Wenn man an der Fläche reibt, riecht man frisch gemähtes Gras. Parallel dazu entstand eine Edition auf neongelbem Filz, mit dem auch Tennisbälle hergestellt werden. Darauf ist die grafische Beschreibung des Geruchs „The smell of fresh cut grass“ in elf europäischen Sprachen gedruckt.

 

Zurück zu Ihrem Projekt Colourmarks: Sie haben ein sehr aufwendiges Buch verlegt, in dem Sie 72 patentierte Farben in erstklassigem Farb-Druckverfahren aufbereitet haben, ohne offensichtliche Zuweisung der „Farbinhaber“. Welche Gedanken würden Sie freuen, wenn das Buch nach drei oder vier Generationen von jemandem angeschaut wird?

RA: Ich würde mich freuen, wenn sich meine Urenkel das Buch ansehen und sich darüber wundern, mit wie viel Aufwand ihr Urgroßvater ein Buch in 95 Sonderfarben gedruckt hat. Sie blättern durch die Seiten und sehen sich jede Farbe an. Vielleicht begreifen Sie, dass im Genuss der Farben allein eine Wahrheit liegt, die ohne Bedeutung auskommt. Dass man weder Angst haben muss vor dem Rot, Gelb und Blau eines Supermarkt-Discounters noch vor der purpur leuchtenden Herrschaftsfarbe eines Telekommunikationskonzerns. Und mit Glück entdecken sie dabei etwas Eigenes für sich – wie einst ihr Urgroßvater beim Versuch, eine Schokoladenfigur lilafarben zu verhüllen.

 

Herr Asmani,

vielen Dank für das Gespräch!

September 2019