stadtzauber interviewt

Christine Westermann

Journalistin und Autorin

 

Christine Westermann kommt 02.12.1948 in Erfurt zur Welt. Vier Jahre später flieht sie mit ihren Eltern in den Westen, nach Mannheim. Noch während ihrer Schulzeit auf dem Gymnasium unternimmt sie die ersten journalistischen Schritte, sie schreibt für den „Mannheimer Morgen“. Unmittelbar nach dem Abitur absolviert sie eine zweijährige Ausbildung an der renommierten Deutschen Journalistenschule in München, um anschließend beim ZDF zu arbeiten. Bis 1983 wird sie überwiegend mit der Moderation der ZDF „Drehscheibe“ in Verbindung gebracht. Daneben arbeitet sie als freie Mitarbeiterin bei den Sendern NDR, SWF 3, RIAS und Deutschlandradio Berlin als Hörfunkmoderatorin. Knapp zwanzig Jahre lang moderiert sie 1983 das Nachrichtenmagazin des WDR, die „Aktuelle Stunde“ – davon fast 15 Jahre an der Seite von Frank Plasberg. Seit 1996 ist sie zusammen mit Götz Alsmann Gastgeberin der Sendung „Zimmer frei“. Daneben moderiert sie auch im WDR Radio und gibt Buchtipps. 2010 erhält sie den 1. Deutschen Radiopreis für „Bestes Interview“ (Montalk WDR 2). Christine Westermann ist verheiratet und lebt in Köln. Sie feiert gern, liebt den Karneval, zittert mit dem 1.FC Köln und reist für ihr Leben gern.

© Presse

 

Welche Kulturveranstaltung haben Sie zuletzt besucht?

CW: „Den massenhaften Auf- und Abtrieb von Besuchern in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Zuviel Rummel. zuviel Oper. Jetzt freu ich mich einfach darauf, in Köln „La Traviata“ zu hören – und zu sehen.“

 

Was ist für Sie der schönste Ort von Köln? 

CW: „Das RheinEnergieStadion – wenn der FC gewinnt, der Kölner Dom, wenn der Dicke Pitter läutet, der Decksteiner Weiher, wenn ich dort morgens bei gutem Wetter meine Runden drehe.“

 

Wo gehen Sie am liebsten essen?

CW: „Sag ich ungern, dann wird es da ja noch voller: „Da Sergio“ an der Berrenrather Straße. Oder das „Salento“ in Ehrenfeld oder „Rocios“ in der Südstadt oder „Max Stark“ am Eigelstein.“

 

Welche Rolle spielt Kunst und Kultur in Ihrem Leben?

CW: „Ich lese gern, nicht nur weil ich das für die Büchersendungen muss. Mein Mann schleppt mich oft in Museen und Kunstausstellungen, er kann mir die Bilder oder Plastiken oft wunderbar erklären. Wir gehen gern ins Kino, am liebsten, wenn die Filme im Original mit Untertiteln laufen, da steht das Off-Broadway mit seinen Filmen bei uns ganz oben auf der Liste. Und wir gehen ins Schauspiel und in die Oper. Demnächst das gefühlte zehnte Mal in „La Traviata“ siehe Frage 1.“

 

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

CW: „Fast alles. Ich habe meinen „Traumberuf“, ich wollte schon mit 15 Jahren Journalistin werden. Ich bin nicht fest angestellt, kann mir meine Zeit, wenn es nicht gerade feste Produktionszeiten gibt, immer selbst einteilen. Ich habe immer mit anderen Menschen, neuen Herausforderungen zu tun. Ich bin seit vierzig Jahren im Geschäft und es war nie langweilig. Na ja, so gut wie nie.“

 

Was darf nicht in Ihrem Kühlschrank fehlen?

CW: „Die Frage kommt mir bekannt vor. Steht auch im „Zimmer frei“-Fragebogen. Meine Antwort: Frische Eier, Glas Gurken, Maggi, Joghurt natur. Und in der Speisekammer eine Dose Würstchen.“

 

Welche Bücher sind für Sie persönlich Wichtige?

CW: „Viele, die Vorlieben ändern sich im Laufe der Jahre. Bücher, die ich gern gelesen habe, haben Eselsohren, damit ich auch später noch jene Stellen wiederfinden kann, die mich für das Buch begeistert haben.“

 

Was macht das Leben für Sie lebenswert?

CW: „Der Gedanke, wie gut es mir im Vergleich zu vielen anderen Menschen geht. Jammern auf höchstem Niveau nenne ich es, wenn ich mich über Kleinkram aufrege. Das ist oft nicht angebracht. Ich lebe mit Lust, reise viel, erlebe immer wieder Neues, habe gute Freunde, mit denen ich viel Spaß habe. Und je älter ich werde, umso bewusster wird mir, was das für ein Geschenk ist.“

 

Mit welchem weitläufigen Klischee würden Sie gerne aufräumen wollen?

CW: „Dass Männer keinen Müll runterbringen oder dazu erst gedrängt werden müssen.“

 

Für welche Tugend lohnt es sich zu kämpfen?

CW: „Für Wahrhaftigkeit. Nicht mehr sein wollen als man wirklich ist. Bei sich selbst blieben.“

 

Entscheiden Sie sich für drei Dinge, die Sie auf dieser Welt hinterlassen wollen? 

CW: „Ehrlich? Ich kann mit dieser Frage nichts anfangen. Meinen Schreibtisch sollte ich vielleicht in aufgeräumtem Zustand hinterlassen.“

 

Wer hat Ihnen zuletzt wegen einer Leistung imponiert und warum?

CW: „Alle Menschen, die mit einer körperlichen Behinderung fertig werden müssen, nötigen mir großen Respekt ab.“

 

Welche Frage möchten Sie an die Menschheit stellen?

CW: „Keine.“

 

Was ist für Sie das persönlich wichtigste Erlebnis Ihres Lebens?

CW: „Lange her und dennoch: Der Tod meines Vaters. Er war über siebzig alt, ich erst 14. Das war endgültiger als die Trennung meiner Eltern zuvor.“

 

Fürchten Sie den Tod? Bitte erklären sie ihr ja oder nein.

CW: „Jein. Ich fühle mich in meinem Leben von klein an behütet und beschützt. Und ich hoffe, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich habe Angst vor dem Sterben, nicht vor dem Tod.“

 

Was hat Sie bei einer „fremden Kultur“ nachhaltig fasziniert?

CW: „Dass man sich irren kann, wenn man eine Kultur nur aus der Perspektive eines Touristen erlebt. Mann muss in einer fremden Kultur lange leben, um sagen zu können, was einen tatsächlich beeindruckt.“

 

Sie waren endlose Gastgeberin in der Sendung „Zimmer frei“. Welcher Gast hat Sie von seiner poetischsten Seite berührt?

CW: „Es gab viele Gäste, die mich berührt, bewegt haben. Immer wieder aber fällt mir die Kindheitsgeschichte des Schauspielers und Musiker Gustav Peter Wöhler ein, der sieben Jahre alt war, als seine Mutter starb. Er ging als kleiner Steppke völlig verzweifelt in den Wald, der hinter dem Elternhaus war und fand Trost und Hilfe: bei den Bäumen.“

 

Was würden Sie mit 100.000 Euro in Köln verändern?

CW: „Da bin ich jetzt mal ganz eigennützig: Am Ende unserer Straße gibt es einen wunderschönen Platz, der als Parkplatz genutzt wird. Also: Autos weg, eine Kaffeebude und ein paar Bäume hinsetzen.“

 

Auf wen möchten sie eine „Lobhudelei“ abgeben?

CW: „Auf das Spätsommerwetter am Ende des Monats September Anfang Oktober.“

 

Sie kritisieren das hohe Niveau des deutschen Feuilletons. Von ihnen war zu lesen „Wenn ich versuche, eine Buchkritik oder eine Premierenbesprechung zu lesen, werde ich den Eindruck nicht los, dass dort ein zäher Zeilenwettkampf ausgetragen wird.“ Ein Wettkampf um möglichst viele Relativsätze, Partizipien oder Fachbegriffe nämlich...

CW: „Ich kritisiere nicht das hohe Niveau des Feuilletons, ich kritisiere, dass manche Journalisten nicht mehr im Auge haben, für wen sie schreiben. Sie schreiben, das ist mein Verdacht, für hochgebildete Kollegen, denen sie mit der eigenen Bildung imponieren wollen. Warum schreiben sie nicht verständlich für die, die sich auch ohne Abitur für Kino, Theater, Oper, Kunst und Literatur  interessieren? Warum werden diese Menschen – die Mehrheit der Zeitungsleser, nehme ich an – komplett ignoriert?“

 

Wovon träumen Sie?

CW: „So ein Leben zu haben wie Christine Westermann.“

 

Dezember 2011