jan 2012 | stadtzauber interviewt

Volker Schaeffer

Hörfunk-Programmgruppenleiter Aktuelle Kultur WDR 5

Volker Schaeffer, 1965 in Aschaffenburg geboren, ist ziemlich kurzsichtig, hört dafür aber umso besser – und ist wahrscheinlich deshalb am Ende beim Radio gelandet. Seine Lehr- und Wanderjahre gestalteten sich neben dem Studium in Erlangen und Frankfurt am Main so: rezensierend für diverse Zeitungen („einmal querbeet durch die Kultur“), reportierend („Belgische Riesen bei der Leistungsschau der Kaninchenzüchter“) sowie moderierend beim Privatradio („Ich war jung und brauchte das Geld!“). Nach dem Volontariat beim Hessischen Rundfunk tummelte er sich dort als Moderator, Autor, Reporter und Redakteur sowie als Dozent an diversen Universitäten. Vor einigen Jahren Wechsel vom Main an den Rhein zum WDR. Daselbst zunächst Leiter der Unterhaltung, jetzt Leiter der Aktuellen Kultur im Hörfunk. Wenn er genug geleitet hat, führt Volker Schaeffer gerne „Tischgespräche“ in WDR 5. Er lebt mitten in Köln und sieht es als großen Luxus an, kein eigenes Auto zu besitzen, liebt aber alte Fahrzeuge jedweder Art.


Sie haben keine klassische Schneiderlehre, bzw. Modedesign-Studium absolviert, sondern sind als Quereinsteiger zu Ihrem jetzigen Beruf gekommen. Inwiefern bot Ihnen dieser Weg Freiheiten im Umgang mit Ihren Entwürfen?

BAJ: Dies war u.a. einer der Vorteile meines etwas ungewöhnlichen Karriereweges. Als Autodidakt mit einer „Ausbildung“ als Vintage/Second Hand-Einzelhändler konnte ich mich frei und ungezwungen auf der Klaviatur der Mode-Epochen des 20. Jahrhunderts entfalten und war keinen Grenzen oder der oft üblichen stilistischen Beeinflussung, z.B. durch eine Professur, ausgesetzt. Zudem halte ich mich schon immer gerne an ein Statement Karl Lagerfelds: „Wer Mode machen möchte, möge doch erst einmal die Klassik beherrschen“. Und die Klassik der gegenwärtigen Kleidungskultur und Moden wurde in den 1920er Jahren gelegt – neben den 1960ern meine klar favorisierte Epoche.


Im Chef-Shop am Großneumarkt in Hamburg beraten und verkaufen Sie selbst Ihre Mode. Welchen Aspekt schätzen Sie am persönlichen Kundenkontakt?
BAJ: Ich habe schon immer besondere Freude daran gehabt, Kunden im persönlichen Beratungsgespräch an meine Produkte heranzuführen. In den allermeisten Fällen schätzen die Kunden diese „Chef-Behandlung“ sehr, nicht zuletzt weil ich logischerweise am besten vermitteln kann, welche Idee und Vision hinter dem einzelnen Entwurf steckt und mit welchen Kombinationsmöglichkeiten bestimmte stilistische Ergebnisse erzielt werden können. Gleichzeitig ist es für mich als verantwortlicher
Designer und Produktionsleiter natürlich extrem wertvoll, ein direktes Kunden-Feedback zu meinen Kreationen zu bekommen.


Worauf achten Sie beim Einkauf Ihrer Stoffe?
BAJ:
Schlicht und einfach auf die Herkunft, die Zusammensetzung, die Haptik und Optik – und schließlich natürlich auch auf den Preis.


Ausgangspunkt Ihrer Entwürfe ist die klassische Haute-Couture, die Sie dann durch ausgefallene oder auch humorvolle Details
brechen. Inspirationsquelle sind unter anderem auch die Designs vergangener Jahrzehnte, ja sogar Epochen. Was macht den Vintage-Look so zeitlos und angesagt?
BAJ:
Das Thema „Vintage“ und „Retro“ ist für meinen Geschmack in den letzten Jahren allzu sehr und schon fast blind und inflationär zum Einsatz gekommen. Es gleicht teilweise schon einem reaktionären Eskapismus die „guten alten Dinge” wieder entdecken und beleben zu wollen. Dieses Phänomen der Rückbesinnung zieht zu große Kreise. Und wenn zum Beispiel Leser der Heritage Post einander gleichen wir Uniformierte, dann geht der Charme dieser besonders schönen Klassik leider verloren.


Ihre Designs schätzen vor allem künstlerische Berufsgruppen: REM´s Michael Stripe, Jan Delay, Bela B. von den Ärzten, Lady Gaga oder Filmstars wie Susan Sarandon, Willem Dafoe oder Philip Seymour Hoffmann kleiden sich mit Ihrer Mode. Lassen Sie sich umgekehrt auch von der Kunst, Musik und Filmen inspirieren?
BAJ:
Natürlich! Mode ist ja schließlich das Stiefkind der Kunst. Ohne Bilder – ob Malerei, Foto, Film und vor allem Musik – wäre meine Arbeit und ein Leben in, mit und für die Mode erschreckend leer.


Welche Charakteristika bestimmen die weibliche Linie der HvE-Kollektionen?
BAJ:
Mit der HW-Kollektion 2004/05 habe ich die HvE-Damenlinie etabliert. Die Kollektionen waren seither sehr an meine männliche Linie angelehnt. Hosenanzüge, Mäntel, Damenhemden (wohlgemerkt keine Blusen) – ein zeitlos androgyner Chic also. Wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im 20er bis 40er-Jahre-Gangsterlook, im doppelreihigen Blazer mit weit geschnittener Bundfaltenhose. Oder jenes des ersten Smokings für Damen von Yves Saint Laurent. Diese Klassik war auch bei den HvE-Damenkollektionen mein Leitfaden. Leider musste dieser HvE-Zweig vor einigen Monaten gekappt werden. die preisliche Konkurrenz der “fast fashion” ist einfach zu stark.


Ihre Mode zu tragen bedeutet ein Lebensgefühl zu tragen. Welche Visionen haben Sie für 2014?
BAJ:
Fortan bleiben wir der HvE-typischen Eleganz und der Liebe zur Tradition und Provokation verpflichtet. Hinzu wird Souveränität fokussiert und das Maskuline durch (nicht zu!) breite Schultern und schmale Taillen etwas hervorkommen.


Im letzten Jahr ging durch die Medien, dass ihr Unternehmen sich wirtschaftlichen Herausforderungen stellen musste. Können Sie uns hierzu etwas sagen?
BAJ:
Leider ein unvermeidlicher, sehr anstrengender aber auch sehr wertvoller Prozess – weil extrem lehrreich, verbunden mit der großen Chance der Re-Strukturierung. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich /wir gestärkt aus dieser Plan-Insolvenz hervorgehen und erfolgreicher denn je werden! Einmal vom Pferd gefallen, Schmutz abgeklopft, Krone gerichtet und wieder aufgestiegen. Hinfallen ist also keine Schande…liegenbleiben schon. Das Scheitern also als Chance sehen!


Herr Jensen,
vielen Dank für das Gespräch!