märz 2014 | stadtzauber interviewt

Volker Mattern

Leiter Bayer Kultur

 

Wie würden sie ihre Wirkungsstätte „Bayer Kultur“ einem Menschen erklären, der diese nicht kennt?
VM: Ich leite ein Theater-, Konzert- und Ausstellungshaus, das quasi Stadttheaterfunktion hat, und bemühe mich, neben den vielen hochkarätigen Gastspielen, mit Eigen- und Koproduktionen
auch überregional auf unsere engagierte Kulturarbeit aufmerksam zu machen. Es lohnt sich ins Bayer Kulturhaus zu kommen!

Eine Stadt wie Leverkusen mit ca. 170.000 Einwohnern hat ein so breit aufgestelltes und exklusives Kulturspektrum, dass man sich die Frage stellen muss: woher kommt diese Idee und welche Verantwortung verbindet der Geldgeber und im Besonderen Sie mit der Aufgabe?
VM: Seit über 100 Jahren engagiert sich die Bayer AG im Rahmen der Corporate Social Responsibility auch für Kultur. Die Besonderheit: Dies geschieht nicht - wie sonst in großen Unternehmen üblich - durch Sponsoring von Kulturprojekten Dritter, sondern Bayer unterhält vielmehr ein eigenes Theater- und Konzerthaus, in dem rund 150 Veranstaltungen pro Spielzeit über die Bühne gehen. Entscheidend für meine Arbeit als künstlerischer Leiter dieses Hauses sind natürlich die Inhalte. Da sehe ich zunächst keinen Unterschied zu meinen früheren Tätigkeiten. Auch eine Kommune wünscht sich doch von seinem Theater einen positiven Imagetransfer? Hier ist es eben ein Weltkonzern, der uns
diese wunderbare Arbeit ermöglicht. Ich glaube, die letzten fünf Jahre haben gezeigt, dass es meinem Team und mir gelungen ist, nicht nur gute Kulturarbeit zu machen, sondern damit auch zum positiven Imagetransfer für das Unternehmen beizutragen. Nicht von ungefähr ist Bayer Kultur in Berlin und Hamburg mit zwei wichtigen Kultur-Awards ausgezeichnet worden.


Sie liegen mit ihrem Kulturangebot in Leverkusen zwischen zwei großen Kulturstädten, Köln und Düsseldorf. Was glauben Sie, ist
der Grund, warum in ihrem Publikum immer wieder viele Besucher aus diesen Metropolen anzutreffen sind?

VM: Im Tanz bieten wir regelmäßig Deutsche Erstaufführungen mit international renommierten Compagnien an, im Schauspiel gastieren bei uns die führenden deutschen Ensembles wie etwa die Münchner Kammerspiele oder das Deutsche Theater Berlin. Schauspieler wie Dominique Horwitz, Samuel Finzi oder Joachim Król sind unserem Haus verbunden. Mein Konzept in der neu initiierten Opernreihe setzt nicht auf das gängige Repertoire, sondern auf
Raritäten des 18. Jahrhunderts in historischer Aufführungspraxis mit unserem orchestra in residence l’arte del mondo und hervorragenden jungen Solisten. Diese Angebote interessieren in der Tat zunehmend auch Gäste aus anderen Städten.


„Intermezzi mit Intermezzo“ hat Premiere am 25.04.2014. Auf was darf sich das Publikum freuen bei dieser neuen, eigenen
Hausproduktion in Leverkusen?

VM: In dieser Produktion habe ich zwei Opern-Intermezzi (die sehr bekannte La serva padrona von Pergolesi und die völlig unbekannte La Dirindina von Alessandro Scarlatti) durch ein kulinarisch-pantomimisches Pausenintermezzo verbunden. Daher der Titel „Intermezzi mit Intermezzo“. Auf die Idee bin ich gekommen, weil in La serva padrona die Rolle des stummen Dieners Vespone zu besetzen war (in der Regel übernimmt das ein Schauspieler) und in Köln der von mir sehr verehrte, große Pantomime Milan Sládek lebt. Er wird nun nicht nur den Vespone übernehmen, sondern in La Dirindina auch einen neugeschaffenen
Part, und nicht zuletzt wird er dann auch die beiden Einakter in einer „kulinarischen Pause“ mit seiner wunderbaren Kunst verbinden. Mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten! Doch, eines noch: Mit dem Regisseur Kay Link verbindet mich seit meiner Tätigkeit als Künstlerischer Leiter der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit. 2013 wurde sein „Figaro“ von Deutschlandradio Kultur zu den drei besten Opernproduktionen des Jahres gewählt. Gute Voraussetzungen also für eine spannende Premiere!


Was steckt hinter Ihrer Initiative „Programm stART“?
VM: Im stART-Programm fördern wir den hochtalentierten künstlerischen Nachwuchs aller Sparten. Der Schwerpunkt liegt bei der Musik. Das Besondere: Wir beschränken uns auf nur wenige, sehr sorgfältig ausgesuchte Künstler, die wir dann drei Jahre auf ihrem Weg intensiv begleiten. Bisher gab es schon dreimal den
ECHO Klassik für „unsere“ Stars von morgen.


Kultur hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft - was glauben Sie, ist die Motivation für diese Haltung?
VM: Um diese Frage adäquat zu beantworten, bedarf es eigentlich eines kleinen Essays - da sind wir uns sicher einig! Nur zwei Stichworte: a) die lange Tradition: im 18. Jahrhundert war in allen Duodezfürstentümern ein Theater und/oder eine Hofkapelle nach dem Muster Versailles einfach ein „must“, b) die Grundeinsicht, dass „Kultur“ (bitte in einem weit gefassten Begriffsverständnis) für ein gedeihliches gesellschaftliches Miteinander und die Zukunftsfähigkeit moderner Staaten unabdingbar ist.


Welches Bild haben Sie von unserer Kulturlandschaft in 30 Jahren? Wo werden Schwerpunkte liegen oder wo werden sie sich neu erfinden?
VM: Trotz meines Eindrucks, dass die Einsicht der (Kultur)politik in die obige These aktuell an Tragfähigkeit verliert, wird die Kulturlandschaft Deutschlands auch in dreißig Jahren eine
ungeheuere Vielfalt an spannenden Angeboten vorzuweisen haben. Dass sie dabei immer in Bewegung bleiben wird, für Überraschungen gut ist, macht Prognosen schwierig, garantiert
aber zugleich, dass es spannend bleibt!


Herr Mattern,
vielen Dank für das Gespräch!