sept 2014 | stadtzauber interviewt

Katsuhito Nishikawa



Künstler


Sie experimentieren mit den verschiedensten Materialien und vereinen Disziplinen aus dem künstlerischen wie angewandten Bereich in Ihrem Werk. Ihre Formsprache ist geometrisch geprägt. Glatte, schlanke und hohe Figuren sind bei Ihnen zu finden. Gehen Sie konzeptuell oder eher intuitiv vor?
KN:
Es gibt ein Konzept – Kunst ist für mich immer ambivalent, daher gehören Konzept und Intuition zusammen. Ähnlich wie zwischen Natur und Mathematik entsteht so ein spannungsreiches, dynamisches Feld, das mich in meiner Arbeit unterstützt. Früher war ich stärker konzeptuell ausgerichtet, heute arbeite ich an einem Projekt mehr intuitiv. In der zeichnerischen Auseinandersetzung mit dem Thema entsteht dann der weitere Plan. Ich treffe Entscheidungen über die weitere Entwicklung der Arbeit, welche die Disziplin, Materialien und Arbeitsprozesse betreffen. Diese Entscheidungen sind in meinen Arbeiten sichtbar, sie geben ihr Form und Struktur.


Ihre Malereien, Skulpturen, Zeichnungen und Architekturen kennzeichnet eine für Ihr Werk charakteristische Klarheit, Stille und Abstraktion. Ist dies unter anderem Ihren japanischen
Wurzeln zuzuschreiben oder (/und) vielmehr Ausdruck einer persönlichen Einstellung zur Kunst?
KN:
Sie beschreiben mit Ihrer Frage ja sehr genau den Eindruck, den Sie von meiner Arbeit gewonnen haben. Darauf ziele ich nicht ab, es ist der Betrachter, seine Assoziationen, die zu solchen Beschreibungen führen. Verschiedene Bereiche wie Malerei, Skulptur, Architektur zusammenzuführen, ist aus japanischer Sicht nicht ungewöhnlich. In Japan gab es früher keine Unterscheidung zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Aber auch in Europa hat sich die Sichtweise verändert. Nehmen Sie als Beispiel den Rietveld Stuhl, der wird heute durchaus auch in seinem skulpturalen Ausdruck gewürdigt. Die Herangehensweise ist natürlich eine andere, ein Möbelentwurf wird zunächst einmal an seiner Funktion gemessen. Aber er kann durchaus den Anspruch einer Skulptur erfüllen.


In vielen Ihrer Arbeiten orientieren Sie sich an den Gesetzmäßigkeiten der Natur. Welche weiteren Maßstäbe sind für Ihre Herangehensweise relevant?
KN:
Wir sind Teil der Natur, daher ist es selbstverständlich, dass ich daraus grundsätzliche Maßstäbe ableite. Entscheidend für eine Arbeit ist auch der Kontext. Gehört die Arbeit zu einer Serie, ist sie für einen Innen- oder Außenraum bestimmt. Da treffen viele Aspekte zusammen.


Zwischen Ihren filigranen Zeichnungen aus den 1990er Jahren und der tonnenschweren, drei Meter hohen Skulptur aus weißem Beton und Marmor liegen Welten. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
KN
: Eine Zeichnung kann mich auch heute durchaus zu einer Skulptur führen. Die Zeichnung ist meine künstlerische Grundlage, sozusagen mein Vokabular, damit bringe ich meine Ideen und Gedanken zu Papier. Die Skulptur, auf die Sie ansprechen, wurde für einen konkreten Ort in Tokio konzipiert. Sie nimmt Bezug auf die Gebäude, die Umgebung und die Menschen dort.


Weiß ist die Summe aller Farben. Weiß steht für Reinheit und Makellosigkeit, es ist der Ausdruck von Leere und Fülle, von Anfang und Ende. Welche Bedeutung messen Sie der Farbe zu?
KN:
Die Frage der Farbe stellt sich häufig gar nicht. Wenn ich Holz oder Gips für eine Arbeit verwende, dann bestimmt das Material die Farbe. Wobei Farbe an sich ja nicht existiert, es die Reflexion des Lichtes, das unsere Netzhaut so farbenreich verarbeitet. Den Faktor Licht in eine Arbeit zu integrieren, den physikalischen Aspekt zu beleuchten, damit habe ich mich in meinen Acrylarbeiten beschäftigt. Hier wurden verschiedenfarbige, transparente Platten hintereinander montiert, sodass jeweils ein ganz neuer Farbeindruck entstand. Hier war Farbe das Thema, das ich mit meinen Mitteln untersuchen wollte. Für Weiß entscheide ich mich immer dann, wenn die Form im Mittelpunkt der Wahrnehmung stehen soll. Die Dreidimensionalität eines Objektes rückt stärker in den Fokus, die Wirkung von Licht und Schatten tritt hervor.


Ihr Atelier befindet sich auf der Raketenstation Hombroich, einem ehemaligen Militärgelände und heute ein international viel beachtetes Kunst- und Kulturzentrum. Welchen Leitfaden haben Sie für die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Station Angewandte Kunst“ (27. - 28. September), in diesem Jahr gesponnen?
KN:
Die „Station Angewandte Kunst“ orientiert sich an dem Konzept des Gründers der Museum Insel Hombroich, Karl Heinrich Müller. Sein Ziel war es ja, Natur, Architektur, Kunst und Kunsthandwerk enger zusammenzuführen, den Austausch über Landes- und Zeitgrenzen hinweg zu vertiefen. Mit dieser Ausstellung führe ich seinen Gedanken weiter.
In diesem Jahr liegt mein Fokus auf dem Thema Damals/Heute, ich meine damit sowohl verschiedene Herstellungstechniken als auch das Alter von Objekten. Es war mir bei der Auswahl wichtig, die zeitliche Dimension berücksichtigen zu können. Es wird sicher spannend, wenn wir hier alle in dieser Ausstellung zusammentreffen und die Gelegenheit zum Austausch nutzen. Sie sind herzlich eingeladen.

 
Herr Nishikawa,
vielen Dank für das Gespräch!