jan 2015 | stadtzauber interviewt

Herlinde Koelbl

 

Fotografin

Sie sind derzeit mit insgesamt vier Ausstellungen im Raum NRW vertreten. Wie kommt es dazu?
HK:
Es freut mich, dass das Interesse aus NRW an meiner Arbeit groß ist und Bilder aus verschiedenen Projekten einen großartigen Überblick über mein Schaffen bieten.


Ihre Überblicksausstellung in der Ludwiggalerie im Schloss Oberhausen zeigt frühe fotografische Serien wie „Das deutsche Wohnzimmer“ von 1980, Ihre Langzeitstudie „Spuren der Macht“ von 1999, die Veränderungen der Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen mit zunehmendem Erfolg von Politikern wie Angela Merkel oder Gerhard Schröder dokumentiert oder auch ihr Projekt „Haare“ von 2007, das als subjektiver Fotoessay zu einem unserer wichtigsten Identitätsmerkmale verstanden werden kann. Was hat sich seit Ihrer ersten Serie verändert? Was ist geblieben?
HK:
Seit dem Beginn meiner Fotografie habe ich die Bandbreite meiner Stilmittel erweitert. Relativ oft ergänze ich die Projekte mit Video- und Toninstallationen. Aber auch Dokumentarfilme sind dazugekommen. Geblieben ist, dass meine Projekte immer noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen, bis sie vollendet sind.


Das Bild des Menschen ist Ihr übergreifendes Thema. Inwieweit hilft Ihnen die Fotografie, ganz nah heranzugehen, bzw. Menschen und Dinge aus einer distanzierten Perspektive zu betrachten?
HK:
Nähe zu Menschen herzustellen ist entscheidend, um gute Fotografie oder Filme entstehen zu lassen. Ich versuche, den Menschen Raum und Zeit zu geben, sich öffnen zu können. Der Fokus meiner Arbeit liegt immer darauf, das Wesentliche zu suchen und sich nicht vom Dekorativen blenden zu lassen. Eine distanzierte Perspektive ist hinderlich.


Ihre Arbeiten changieren stetig zwischen Dokumentation und Kunstform. Worin liegt hierbei der Reiz für Sie?
HK:
Als Künstlerin steht mir eine Palette an Stilmittel zur Verfügung. Je nach Projekt kombiniere ich die verfügbaren Möglichkeiten, sei es Fotografie, Text, Video oder Film. Ich bin nicht an starre Formen gebunden.


Sie sind nicht nur eine stille Beobachterin hinter der Kameralinse, sondern führen zum Teil auch intensive Gespräche mit Ihrem Gegenüber – so beispielsweise bei der Serie „Jüdische Portraits“ (1989). Wann entscheiden Sie sich dafür, bewusst Einfluss zu nehmen?
HK
: Bei manchen Projekten, wie „Jüdische Portraits“ oder „Spuren der Macht“, ist es mir wichtig, die Menschen nicht nur physisch darzustellen, sondern ein allumfassendes Portrait von ihnen zu vermitteln. Mich interessiert auch das Denken, der Geist, die Philosophie der Menschen.


Wie lange bereiten Sie sich durchschnittlich auf ein neues Thema vor? Welche Faktoren gehören zum Konzept?
HK:
Meine Projekte erstrecken sich oft über viele Jahre. Zu Beginn überlege ich, welches Stilmittel oder Konzept dieses Thema braucht, um es künstlerisch zu transformieren. Als erstes die Überlegung: Farbe oder Schwarz/Weiß, Studiofotografie oder mehr Reportage, Text oder nicht Text? National oder international. All dies muss ich zu Beginn entscheiden, was manchmal nicht leicht ist.


Ihre Fotografien sind in hohem Maße erzählerisch. Schreiben Sie auch?
HK:
Ja, ich schreibe auch, aber ich erzähle in Interviews und versuche in den Texten die Lebensphilosophie der Menschen zu erforschen und wiederzugeben.


In welchem Moment fühlen Sie sich besonders lebendig?
HK:
Wenn mir etwas wirklich gelungen ist, ist das ein Glücksgefühl.


An welchem Charakterzug haben Sie bewusst gearbeitet?
HK:
Der Mensch, den ich porträtiere, ist im Zentrum. Wichtig ist, das eigene Ego zurücknehmen zu können und sich auf den anderen einzulassen.


Frau Koelbl,
vielen Dank für das Gespräch!