mai 2015 | stadtzauber interviewt

Florian Ebner

 

Kurator des deutschen Pavillons der 56. Biennale in Venedig


Was wohl, zeichnet Sie aus, den diesjährigen Deutschen Pavillon (S.20) bespielen zu dürfen?
FE:
Diese Frage müssten Sie eigentlich dem Auswärtigen Amt als meinem Auftraggeber stellen. In der Vergangenheit wurden immer Kuratoren beauftragt, die in einer bestimmten Zeit eine ganz spezifische Sprache mit ihren Ausstellungen sprechen. Sicher spielt es eine Rolle, dass es bisher noch keinen auf Fotografie spezialisierten Kurator gab, bzw. die Fotografie in Form des digitalen Bilds eine sehr
zeitgenössische Ausdrucksform ist und viele Fragen stellt.


Wie kann man sich auf Ihre Ausstellung vorbereiten? Was erwartet den Besucher?
FE:
Zuerst einmal sollen die Besucher einfach kommen. Vorbereiten sollte man sich vielleicht besser auf die vielen verschlungenen Wege in der Stadt, um möglichst viel der gesamten Biennale mit ihren vielen Schauplätzen erleben zu können. Der Deutsche Pavillon wird sich der Gegenwart der Bilder öffnen. Die Ausstellung fordert die Besucher zu einer Reflexion über die materielle und politische Natur der Bilder im
digitalen Zeitalter und einer globalisierten Welt auf.


Fünf Künstler haben es in Ihr Programm für den Deutschen Pavillon geschafft: Jasmina Metwaly & Philip Rizk, Tobias Zielony, Olaf Nicolai und Hito Steyerl. Was verbindet diese Künstler?
FE:
Wir werden im Deutschen Pavillon autonome künstlerische Arbeiten sehen. Die Akteure aber, die die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler bevölkern, sind immer Figuren des Aufbegehrens und der Revolte. In allen vier künstlerischen Positionen begegnen sie uns, seien sie theatralischer, fotografischer, filmischer, virtueller und oder leibhaftiger Natur. In den Gesprächen und Diskussionen mit den Künstlern haben sich in den letzten Monaten die Begriffe Arbeit, Migration und Revolte herauskristallisiert. Gemeinsam verwandeln die Künstler das Gebäude in eine Fabrik, in eine imaginäre, verschwundene, virtuelle Fabrik, in eine Fabrik der politischen Erzählungen und der Analyse unserer Bildkultur.


In Ihrer Ausstellung „Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution“ (2013) zeigte sich die Fotografie als Form der Teilhabe an politischen Prozessen. So stellten u. a. auch Metwaly & Rizk aus, die beide in Kairo leben. Mit ihren Arbeiten geben sie Bürgern eine Stimme und nutzen Blogs, um kritische Berichte über palästinensische Flüchtlinge und den Gaza- Streifen zu veröffentlichen. Tobias Zielony wiederum plant ein Fotoprojekt mit Flüchtlingen – besteht da ein Zusammenhang?
FE:
Die Frage der Partizipation, der Teilhabe, ist ein wichtiges Thema in beiden Arbeiten, ja. Und es ist ein Thema, das ich selbst seit langem verfolge. Es betrifft das Fotografische insgesamt, Fragen nach der Autorenschaft von Bildern, ihrer Authentizität.


Wie gehen die genannten Künstler mit der Bedeutung von Bildjournalismus in Krisengebieten um?
FE
: Es sind keine journalistischen Arbeiten, die wir zeigen werden – das dokumentarische Moment in ihren Arbeiten schaffen die Künstler allein mit den Mitteln der Kunst. Gerade dieser Unterschied in der Arbeitsweise gegenüber dem Bildjournalismus ist eine spannende Frage, zum Beispiel in Hinsicht auf die Authentizität.


Der Künstler Olaf Nicolai plant Performances auf dem Dach des Pavillons in Venedig. Inwieweit regen diese dazu an, über die Bilder unserer Gegenwart nachzudenken?
FE:
Olaf setzt das Dach als Schauplatz einer sieben Monate andauernden Aktion in Szene. Seine Protagonisten gehen dort einer rätselhaften Tätigkeit nach, einer Schattenökonomie unter gleißender Sonne. Die Choreografie seiner Figuren changiert zwischen funktionaler Handlung (der tatsächlichen Herstellung eines Objekts) und der ästhetischen Dimension dieses Tuns.


Bei Hito Steyerl spielt das Thema Licht eine Rolle: In ihrer Videoarbeit werden Bewegungen in Licht übersetzt und digital erfasst. Glasfasernetze werden derzeit überall aktiv ausgebaut. Wie wichtig ist Licht für unsere digitale Bildkultur?
FE:
Hito Steyerl sagt, dass in den digitalen Medien nicht nur Bewegungen in Licht übersetzt werden, sondern auch jede Regung, jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Aktion. Diese Vorstellung ist faszinierend und verstörend zugleich. Ihre Installation wird auch den sprechenden Titel tragen: Factory of the Sun. Das Licht ist Ausgangspunkt der analogen Fotografie. Das neue „digitale Licht“ ist das zentrale Medium des Transfers von den Resten des Realen in eine zirkulierende, digitale Bildkultur.


Wieviel hat die Biennale mit Venedig, bzw. andersherum Venedig mit der Biennale zu tun?
FE:
In der ganzen Stadt wird es Veranstaltungen geben. Einige Länder, die keinen Pavillon in den Giardini oder dem Gelände des Arsenale haben, präsentieren sich in prachtvollen Palazzi mitten in der Stadt, auch die Sammler und lokalen Galerien präsentieren ihre Kunst. Biennale ist eigentlich jeden Tag in Venedig – wenn nicht die der Bildenden Kunst, dann die der Architektur oder des Theaters. Der Monat September ist übrigens offenbar der Monat, in dem die Italiener hauptsächlich die Biennale bevölkern.


Sie begegnen endlos vielen Künstlern – wie schafft man es, Sie nachhaltig zu berühren?
FE:
Vor allem dann, wenn Leute entschieden ihren eigenen Weg gehen.


Welche Qualitäten müssen Menschen/ Team- Mitglieder in Ihrem Umfeld mitbringen, um gemeinsam einen gelungenen Arbeitsprozess zu gestalten? Welche Qualitäten bringen Sie mit?
FE:
Das Team muss vor allen Dingen offen sein für die Kunst und die Künstler. Eine Besonderheit ist sicher die besondere Bedingung, eine Ausstellung in Venedig zu realisieren: an einem Ort, der Transporte nicht eben einfacher macht. Alles geht hier nur über Wassertaxis. Flexibilität und Ausdauer sind sicher gefragte Werte. Das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) als Koordinator unserer Aktivitäten hat hier große Erfahrungen, die es alle zwei Jahre einbringt – dafür bin ich sehr dankbar. Ich selbst wiederum bringe vermutlich in erster Linie Leidenschaft für die Sache mit.


Herr Ebner,
vielen Dank für das Gespräch!