stadtzauber interviewt

Nike Wagner

Intendantin des Bonner Beethovenfestes

 

Frau Wagner, das Bonner Beethovenfest unterliegt 2015 Ihrer künstlerischen Verantwortung. Welche Highlights können Sie uns nennen?

NW: Es gibt „normale“ Highlights wie die Konzerte der großen Orchester mit ihren prominenten Dirigenten: die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim, die Israelis unter Zubin Mehta und die Budapester unter Iván Fischer. Es gibt aber auch die ungewöhnlichen, wie etwa das Konzert des SWR Sinfonieorchesters mit einer Uraufführung des Weltklasse- Komponisten Salvatore Sciarrino und drei Konzerte mit Beethoven im „Originalklang“, gespielt vom Ensemble Anima Eterna Brugge unter Jos van Immerseel. Auch unsere internationalen Tanz-Gastspiele sollten die Bonner nicht versäumen – neu beim Beethovenfest!

 

Worauf zielt das diesjährige Leitmotiv „Veränderungen“?

NW: Von Veränderungen und Neuerungen lebt die Kunst. Ins Musikalische übersetzt sind Veränderungen „Variationen“. Variationen-Programme ziehen sich durch das ganze Festival. Im Mittelpunkt steht ein „Diabelli-Projekt“ – sechs Veranstaltungen zu diesem vielleicht verrücktesten Werk von Beethoven. „33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli“ heißt der späte Klavierzyklus im Untertitel. Außerdem aber: Es soll sich ja einiges „verändern“ beim Beethovenfest!

 

Was macht Beethovens Werk so zeitlos und faszinierend für unsere Gegenwart?

NW: Beethoven ist ein rastloses Kreativ-Phänomen. Was lässt sich nicht alles aus einem einfachen Thema machen! Die musikalischen Formen treibt er ins Extrem und der späte, der kratzige Beethoven nimmt auf Konventionen schon gar keine Rücksicht mehr. Beethoven bleibt hinreißend, egal für welche Zeit.

 

Das Programm hält neben musikalischen Interpretationen auch drei zeitgenössische Tanzproduktionen bereit. Werden Sie zukünftig vermehrt interdisziplinären Produktionen Ihre Aufmerksamkeit schenken?

NW: Zumindest werden interdisziplinäre Projekte einen guten Platz beim Beethovenfest erhalten. Mich interessieren die experimentellen neuen Formen – die Zeit bleibt ja nicht stehen – und wir müssen auch ein Publikum ansprechen, das nicht mehr „klassisch“ sozialisiert wurde. Wobei mein tiefer Wunsch ist, dass dieses Publikum dann auch den Weg zurück zu den grandiosen Schöpfungen der Vergangenheit findet.

 

Welche Rolle spielen die im Rahmen des Beethovenfestes organisierten Symposien zu unserer heutigen Konzertkultur, bzw. zum Hören als einer kulturell geprägte Praxis?

NW: Hören ist – grob gesagt – schwieriger als Sehen. Hören ist eine „black box“. Mein Sitznachbar hört im selben Konzert etwas ganz anderes. Was ist da los? Man kann es auch historisch zu fassen versuchen: Die Hörgewohnheiten haben sich enorm verändert. Nicht nur durch den bürgerlichen Musikbetrieb mit seinen immer größer werdenden Konzertsälen, sondern auch durch die neuen Technologien. Heute haben wir den Knopf im Ohr. Das Phänomen des Hörens ist psychologisch, kulturell und sozial unendlich interessant. Und der arme Beethoven – am Hörrohr – im Zentrum!

 

Was war das letzte Kulturerlebnis, das Sie persönlich begeistert hat?

NW: Glucks „Orfeo ed Euridice“ bei den Wiener Festwochen 2014, inszeniert von Romeo Castellucchi, mit dem Originalklang-Orchester B´Rock aus Gent und dem Counter-Tenor Bejun Mehta als Orfeo. Und einer Wachkoma-Patientin im Live-Stream! Das Gewagteste, was ich je gesehen habe – erschütternd. Aber auch „werkgerecht“: Wir erhalten eine Ahnung vom Schattenreich zwischen Sein und Nicht-Sein. Entsetzlich und großartig.

 

Welches Buch lesen Sie momentan?

NW: Einen Lyrikband von Jan Wagner: „Regentonnenvariationen“. Wunderbarste Gedichte, poetische Natur-Bilder, Erleuchtungen aus der Regentonne, innere und äußere Reisen. Wie schön, dass wir den Nachnamen gemeinsam haben!

 

Als Intendantin des internationalen Beethovenfests sind Sie sicherlich viel unterwegs. Haben Sie ein Lieblingshotel?

NW: Ich mag die Schweizer Luxus-Hotellerie. Nehmen wir Luzern, etwa das Hotel Schweizerhof, ein Palast des 19. Jahrhunderts. Wagner hat hier den „Tristan“ vollendet. In einem Rucksackhotel unserer Tage wäre ihm das vielleicht nicht geglückt...aber ich würde mich hüten, hier zu logieren und die Rechnung ans Beethovenfest zu schicken!

 

Frau Wagner,

vielen Dank für das Gespräch!

Juli 2015