juli 2015 | stadtzauber interviewt

Alain Bieber

 

Neuer Leiter des NRW-Forums Düsseldorf


Mit „Ego Update“ begehen Sie Ihre Debüt-Ausstellung als künstlerischer Leiter des NRW-Forums Düsseldorf. Was wird uns im September erwarten?
AB:
Die Gruppenausstellung thematisiert die Frage: Wie greift das digitale und technologische Weltgeschehen in die menschliche Identität ein – und was für eine Gesellschaft wird am Schluss dabei herauskommen? Die Frage “Wer bin ich?” ist eine Grundfrage der Menschheit, und auch die sich daraus ableitende Frage „Wer will (oder: soll) ich sein?“ gehört zum Grundrepertoire der Kultur, Philosophie, Wirtschaft, Theologie und Politik, ebenso wie die kollektive Version dieser Fragen: „Wer sind wir?“ – als gesellschaftliche Gruppe oder auch als Nation, als Europäer, als Düsseldorfer. Es geht dabei um Themen wie Selfies, Selbsinszenierung und Selbstporträts – ein wichtiges Thema für Düsseldorf. Düsseldorf ist ja die Selfie-Metropole Deutschlands, in keiner anderen deutschen Stadt werden mehr Selfies geknipst. Es wird zahlreiche neue Arbeiten geben, manche werden nur virtuell existieren, dazu Konzerte, Film-Screenings, eine Selfie Ballett-Performances und sogar die erste Cyborg-Messe Deutschlands.


Was haben so renommierte Künstler wie der Fotograf Martin Parr oder die amerikanische Medienkünstlerin Lynn Hershman Leeson mit dem „Spaßrapper“ MC Fitti oder Arvida Byström, die sich in pinken Glitzerwelten inszeniert, gemeinsam? Welche Rolle spielt der humoristische Aspekt dabei?
AB:
Alle Werke beschäftigen sich mit dem Themenkomplex der digitalen Identität, mit der Selbstinszenierung im Netz, mit dem menschliche Subjekt im Zeitalter der Maschinen. Und fast alle Arbeiten bieten einen Ausweg, eine Kompensation: Humor. Denn Humor ist entlastend und entwaffnend, stimulierend und verführerisch. Außerdem stellt Humor als subversiver Akt der Rebellion die Starrheit unseres rational-logischen Denkens auf den Kopf.


Nimmt die Bedeutung der Populärkultur im Kontext der Kunst zu?
AB:
Das große Potential und auch das Alleinstellungsmerkmal des NRW-Forum Düsseldorf ist die konsequente Verschmelzung von Kunst, Medienkunst, Design, Mode, Architektur, Lifestyle und Kreativindustrie. Zeitgenössischer könnte so eine Positionierung gar nicht sein – und da gibt es nicht viele vergleichbare Häuser in Deutschland. Themen und Dinge existieren nicht voneinander losgelöst: die Kreativindustrie wird von Künstlern inspiriert, die Fotografie von der Mode, die Architektur vom Design und umgekehrt. Alles ist mit allem vernetzt und lässt sich auch nicht mehr von einander trennen – ich sehe keine Unterscheidung zwischen Populärkultur und sogenannter Hochkultur, ich sehe da nur Kultur und Kunst, und eigentlich sehe ich sogar nur eines: Leben. Mein eigentliches Ziel ist es Kunst alltäglich werden zu lassen. Kunst kann nur wirken, wenn sie unser tägliches Leben bereichert – und nicht nur für ein intellektuelles Nischenpublikum existiert und nicht nur in dafür bereitgestellten Räume.


Seit April 2015 kuratieren und moderieren Sie die Veranstaltungsreihe „1 UP Live-Magazin“ im NRW-Forum Düsseldorf. Autoren, Künstler und Kreative haben hier sieben Minuten Zeit, ihre Arbeiten zu präsentieren. Welche Zielgruppe möchten Sie ansprechen?
AB:
Auch bei dieser Veranstaltung möchte ich Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenbringen. Ich glaube an Museen als soziale Orte, als Orte der Begegnung, der Inspiration, des Dialogs und der Partizipation. Der gemeinsame Nenner ist die Idee: Ein Biochemiker präsentiert seine Ideen zur nachhaltigen Thunfisch-Zucht, ein Lichtdesigner seine neusten Entwürfe und ein Hacker spricht über eine Maker-Konferenz im Himalaya. Und im besten Fall arbeiten die Kreativen und das Publikum beim nächsten Projekt zusammen oder bekommen selbst viele neue Ideen.


Kunst als ein sich ausbreitender „Virus“ war das Motto der Ausstellungsreihe „PARASITES – illegal exhibitions“, die Sie bis 2010 kuratierten. Die Aufforderung zur Partizipation, politische und gesellschaftliche Kunst, aber auch neue künstlerische Formate, die soziale Netzwerke und digitale Applikationen integrieren, scheinen ihre Themen zu sein. Welchem Auftrag sehen Sie sich als Kurator, Journalist und Autor verpflichtet?
AB:
Ich möchte das NRW-Forum Düsseldorf in eine lebendige Ideenfabrik verwandeln, in eine Agora der Kultur, mit Ausstellungen, Screenings, Workshops, Symposien, Festivals – es wird Projekte für die ganze Familie und für alle sozialen Schichten geben. Ich werde gerade auch versuchen Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht in Kultureinrichtungen gehen. Ich glaube an das kulturelle Kapital. Ich glaube daran, dass kulturelle Bildung eine tragende Säule unserer Gesellschaft und Demokratie sind. Und ich glaube, dass kulturelle Institutionen gesellschaftliche Themen aufgreifen sollten – aber ich werde auch beweisen, dass all diese „ernsten“ Themen auch extrem viel Spaß machen können.


Welches Kulturerlebnis hat Sie zuletzt begeistert?
AB:
In Straßburg hat der belgische Architekt Luc Schuiten mit Studenten gerade wunderbare, riesige bewohnbare Vogelnester in den Stadtraum gebaut. Und ich bekenne: Ich bin auch ein Serien-Junkie, die neue Staffel von „Games of Thrones“ begeistert mich auch. Ebenso immer wieder: Jan Böhmermann und die heute-show.


Welches Buch können Sie aktuell empfehlen?
AB:
Ich liebe Bücher! Da fällt es mir schwer nur eines zu empfehlen, hier meine fünf aktuellen Favoriten: „#Akzeleration“ von Armen Avanessian (Merve), „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq (Dumont), „Wem gehört die Zukunft“ von Jaron Lanier (Hoffmann & Campe), „Ärger mit der Unsterblichkeit“ von Andreas Dorau & Sven Regener (Galiani). Und mein neues Buch: die erste umfassende Monografie über den französischen Plakatkünstler OX (International Neighborhood).


Herr Bieber,
vielen Dank für das Gespräch!