nov 2015 | stadtzauber interviewt

Yilmaz Dziewior


Direktor des Museum Ludwig


Erst die große Polke-Retrospektive in Kooperation mit dem MoMA und der TATE London, dann die Einzelausstellung des vietnamesischen Künstlers Danh Võ, Shooting Star der aktuellen, internationalen Kunstszene, und nun die bevorstehende Retrospektive der US-amerikanischen Malerin Joan Mitchell – in Ihrem ersten Jahr als neuer Direktor des Museum Ludwig haben Sie große Projekte vorangetrieben. Was erwartet uns 2016?
YD:
Nächstes Jahr wird das Museum Ludwig 40 Jahre alt. Mit zwei großen Ausstellungen werden wir dieses Ereignis feiern. Zum einen zeigen wir in einer historischen Überblicksausstellung das Werk eines der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Den Namen können wir noch nicht verraten, nur so viel sei gesagt, dass der Ausgangspunkt eine der bekanntesten und größten Formate in unserer Sammlung ist. Ein weiterer Höhepunkt wird eine Gruppenausstellung sein, deren Thema die Institution Museum Ludwig sein wird. Hierzu haben wir Künstler aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika eingeladen, neue Arbeiten für diesen Anlass zu produzieren.


Zum einen schärfen Sie mit den großen Retrospektiven US-amerikanischer Künstler das Profil des Museum Ludwig und zum anderen setzen Sie mit Ausstellungen wie die Danh Võs neue Schwerpunkte. Die Bedeutung kultureller Identität, bzw. der interkulturelle Kunstdialog sind Themen, denen Sie sich seit den Anfängen Ihrer Karriere widmen. Inwieweit eignet sich Peter und Irene Ludwigs umfangreiche, dem Grundsatz der Weltoffenheit verpflichtete Sammlung, um den verschiedenen Themenfeldern nachzugehen?
YD:
Die Sammlung von Peter und Irene Ludwig ist ein idealer Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit der US-amerikanischen Kunst; angefangen beim abstrakten Expressionismus, Pop Art und der Gegenwart. Da die Ludwigs schon sehr früh aus Lateinamerika, aus Cuba und auch aus Asien, vor allem aus China, Kunst sammelten, lassen sich hier Ausstellungen zu diesen Themen besonders gut entwickeln.


„Ist Westkunst Weltkunst?“ stellen Kasper König, ehemaliger Direktor des Museum Ludwig, und Okwui Enwezor, Künstlerischer Leiter der diesjährigen Biennale in Venedig, am 01. Dezember im Filmforum zur Frage. In Zeiten von Globalisierung und digitaler Vernetzung hat sich die Sicht auf das aktuelle Kunstgeschehen merklich verschoben. Wie wichtig ist es – auch in Hinblick auf eine Neuausrichtung Ihres Hauses –, diese Veränderungen aufzuzeigen?
YD:
Das Museum Ludwig steht nicht nur für die Reflektion und Beobachtung der aktuellen Kunst und ihrer sozialen sowie politischen Voraussetzungen, sondern auch für das aktive Mitgestalten derselben. Fragen der Globalisierung und digitalen Vernetzung im aktuellen Kunstgeschehen zählen zweifelsohne zu den Themen, die wir in diesem Zusammenhang besonders berücksichtigen.


Köln ist eine multikulturelle, lebendige Stadt. Wie schafft man es, sich bei all den vielfältigen Einflüssen und Kultur-Angeboten als repräsentatives Museum der Stadt Köln immer wieder medienwirksam ins Gedächtnis zu rufen, um eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen?
YD:
Es ist unser ausgesprochenes Ziel nicht nur das gebildete Bürgertum für unsere Projekte zu begeistern, sondern wir wollen auch ganz besonders die sogenannten bildungsfernen Bevölkerungsschichten für unsere Aktivitäten interessieren. Zurzeit arbeiten wir an Projekten, die es Flüchtlingen ermöglichen sollen, an unseren für sie speziell entwickelten Veranstaltungen teilzunehmen.


Das Museum Ludwig hat eine hervorragende fotografische Sammlung. Welche wertvollen Bestände das Museum verwahrt, ist in seinem vollen Umfang nur wenigen bekannt. Konnten mittlerweile Förderer gefunden werden, um den Gesamtbestand digital zu erfassen und online zu stellen?
YD:
Dank der hervorragenden Unterstützung der Firma Pixum ist es uns gelungen, einen großen Teil der fotografischen Sammlung zu digitalisieren und online zu stellen.


Welches Kunsterlebnis hat Sie zuletzt begeistert?
YD:
Die Biennale in Istanbul, da sie die Stadt selbst zum eigentlichen Thema gemacht hat.


Welches Buch können Sie aktuell empfehlen?
YD:
Zurzeit lese ich die Autobiografie von Peggy Guggenheim, die mit vielen führenden Künstlern des 20. Jahrhunderts befreundet war und somit eine besonders faszinierende Stellung in der Kunstgeschichte einnimmt.


Herr Dziewior,
vielen Dank für das Gespräch!