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INSCRIT – Schreiben mit dem Körper

Bis 28. Februar 2027 ● Köln ● Deutsches Tanzarchiv 

„Es ist doch viel schöner, beizeiten seine Dinge – Zeugnisse seines Lebens und Wirkens – abzugeben.“ Mit dieser Umschreibung hat der Tänzer und Choreograph Raimund Hoghe in einem Interview aus Anlass der Verleihung des Deutschen Tanzpreises im Jahr 2020 seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tanzarchiv Köln beschrieben. Dieser Zusammenarbeit war nur eine kurze Zeitspanne vergönnt. Raimund Hoghe starb am 14. Mai 2021 – aus einem Vorlass wurde ein Nachlass.

Raimund Hoghe wirkte zunächst als freier Journalist und Autor, bevor er als Dramaturg des Tanztheaters Wuppertal mit der Choreographin Pina Bausch zusammenarbeitete. Er entwickelte eigene Theaterarbeiten. Ab 1992 arbeitete er mit der Künstlerin und Fotografin Rosa Frank zusammen, die über 30 Jahre seine Arbeiten mit der Kamera begleitet hat. Ihre Fotografien bilden den Schwerpunkt dieser Ausstellung. Zeitgleich beginnt seine Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte. Neben seinen Arbeiten für die Bühne realisierte Raimund Hoghe filmische Essays und Porträts für das Fernsehen. Für sein journalistisches und künstlerisches Wirken wurde er vielfach ausgezeichnet.

Als Kind entwickelte sich bei Raimund Hoghe eine Rückgratverkrümmung, die sich im Lauf der Jahre verstärkte und zu einem Buckel führte. Durch seine sichtbare Behinderung stellte er Tanztraditionen in Frage, die auf „schöne“, normierte Körper setzen, und etablierte einen anderen Blick auf Körperlichkeit im Tanz. Marginalisierte, „andere“ Körper wurden zu einem zentralen Motiv seiner Choreografien – nicht als Ausnahme, sondern als normale, gleichberechtigte Stimmen im Tanz.

Über das choreographische Wirken Raimund Hoghes hinaus widmet sich die Ausstellung grundlegenden Fragen der Archivierung von Tanz: Wie schreibt sich choreographisch-tänzerisches Schaffen ein – in Erinnerungen, in Dokumente und Materialien, in Räume? Und natürlich auch in ein Archiv. Wie kann es gelingen, dieses „Einschreiben" sichtbar zu machen?

Dabei spielt die Fotografie eine wichtige Rolle. Die Künstlerin und Fotografin Rosa Frank, die Hoghes Werk fotografisch begleitete, hat die Ausstellung gemeinsam mit Thomas Thorausch erarbeitet. Ihre Fotografien bilden einen Schwerpunkt der Ausstellung und stellen die Frage, die durch die gesamte Schau führt: Auf welche Weise ist Fotografie in der Lage, choreographisches Schaffen zu bewahren, ohne ihren eigenen künstlerischen Anspruch dabei aufzugeben? Welche Rolle spielt das Dokumentarische – und wo beginnt das eigenständige Bild?

Die Ausstellung übersetzt den Titel in eine Architektur des Raumes mit montageartig angeordneten, minimalistischen Elementen: Mediale Installationen und Filme treffen auf Fotografien, Texte von und über Raimund Hoghe sowie Notationen und Objekte aus seinen Choreografien auf den schwarzen Tanzboden, der die Stücke Raimund Hoghes prägt – aus der Überzeugung heraus, um den japanischen Autor Tanizaki Jun'ichirō zu zitieren, dass die Schönheit nicht in den Objekten selbst zu suchen sei, sondern im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich zwischen Objekten entfaltet.

Die Ausstellung wird von einem Rahmenprogramm begleitet, das die künstlerische, filmische, fotografische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk von Raimund Hoghe in den Mittelpunkt stellt. Weggefährtinnen und Weggefährten, künstlerische Mitarbeitende und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen dabei ebenso zu Wort wie Rosa Frank, die am 21. Juni um 15 Uhr in einem öffentlichen Gespräch über ihre jahrzehntelange Arbeit mit Hoghe und die Entstehung der Ausstellung spricht.

deutsches-tanzarchiv.de

Bildunterschriften und /-nachweise:

1. „36, Avenue Georges Mandel” | Festival d'Avignon | Raimund Hoghe | 2007 © Rosa Frank

2. Blick in die Ausstellungsinstallation, Foto: © Deutsches Tanzarchiv Köln; Markus Hoffmann, Foto im Bild von Rosa Frank

3. „Swan Lake, 4 Acts“ | Raimund Hoghe | 2005 © Rosa Frank

4. „Meinwärts” | Raimund Hoghe | 1994 © Rosa Frank

5. Blick in die Ausstellungsinstallation, Foto: © Deutsches Tanzarchiv Köln; Markus Hoffmann, Film im Hintergrund: Szene aus der Reihe TRACES - Raimund Hoghe #5 | 2021 von Sandeep Mehta