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Julia Heyward - Voices of Many Voices
07. März bis 31. Mai 2026 ● Münster ● Westfälischer Kunstverein
„In ihrer Kehle wohnt der Teufel neben Engeln“ heißt es 1975 in einer Rezension über eine Performance der Künstlerin und Musikerin Julia Heyward. Mit ihren Monologen und vokalen Experimenten führte sie ihr Publikum offensichtlich durch extreme Gefühlslagen: Die eigenwillige Orchestrierung von Musik, Bild und Sprache bewegte sich – in ihrer Gleichzeitigkeit von Gegensätzen – irgendwo zwischen einem subliminalen Abstieg unter die Schwelle des Bewusstseins, psychosexuellen Verdrehungen und der humoristischen Mystifizierung des Selbst. Trotz der radikalen Subjektivität ihrer Stimme und ihres tiefgreifenden Einflusses auf die New Yorker Underground-Kunstszene ab den 1970er Jahren erhielt Julia Heywards mehr als fünf Jahrzehnte umfassendes Werk nur wenig institutionelle Anerkennung. Voices of Many Voices nimmt sich nun der Aufgabe an, zumindest einen Aspekt ihres pionierhaften Schaffens zu beleuchten: die Manipulation von Sprache und die Modulation der Stimme.
Zeitgenössische Beschreibungen wie die eingangs zitierte vermitteln retrospektiv vielleicht einen vagen Eindruck davon, was die Performances von Julia Heyward beim Publikum auslösten – zu einer Zeit, als Performancekunst noch nicht als Kunstform etabliert war. Ihre theatralische, von Slapstick durchzogene Ästhetik griff mitunter auf das Vaudeville-Theater, Jodeln, mongolischen Kehlkopfgesang, Ventriloquismus (Bauchreden), Onomatopoesie (Lautsprache) sowie unterschiedlichste Formen phonetischer Verzerrung zurück. Sie machte von diesen Techniken Gebrauch, um sprachliches Material und in der Folge Bedeutung selbst mit äußerster Präzision untersuchen, sezieren und exponieren zu können.
In Abkehr von einem primär ideen- und konzeptorientierten Ansatz, wie er zur gleichen Zeit in der Minimal und Konzeptkunst vorherrschte, priorisierte Julia Heyward Narration und Emotion, was in ihrem Fall immer auch die Thematisierung von Verletzlichkeit, Scham und Traumata inkludierte. Das Autobiografische, ihre eigene Persönlichkeit lag ihrer Arbeit immer zugrunde.
Aber auch die medienkritische Auseinandersetzung mit Mechanismen der Massenmedien und ihren jeweiligen Sprachformen nehmen hierbei eine spezielle Rolle ein. Neben autobiografischen Bezügen setzte Julia Heyward eine unpersönliche, anonymisierte Sprache ein, die sicherheitsrhetorische und propagandistische Formeln, Slang, kulturelle Codierungen und Textfragmente aus Fernsehen und Popmusik zitierte und auf unmittelbare emotionale Wirkung zielte. Besonders die phonetisch und sprachlich erzeugten Doppeldeutigkeiten fungierten hier als eine bewusst gesetzte Provokationsfläche.
Insbesondere durch ihre schonungslose Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Klassismus, religiösen Überzeugungen sowie den psychischen und physischen Folgen von Missbrauch legte Julia Heyward symbolische und strukturelle Verstrickungen gesellschaftlich verfestigter Machtstrukturen – Patriarchat, Christentum und Kapitalismus – offen. Ausgehend von ihrer eigenen presbyterianischen Erziehung bot ihr die Technik des Ventriloquilierens – neu interpretiert und als künstlerisch-kritisches Mittel eingesetzt – eine adäquate Ausdrucksform. Religiöse, moralische Vorschriften und Gebote stellte sie in ihrer Starrheit und Dogmatik infrage, indem ihr unbewegliches Gesicht reflektierte, wie die eigene Stimme geformt und unterdrückt wird, zugleich aber auch politisches Aufbegehren artikulierte.
Voices of Many Voices rückt Julia Heywards frühe Solo-Performances in den Fokus und betont ihren stark sprachbasierten wie transdisziplinären Ansatz. Ihre Aufführungen integrierten von Beginn an Live-Musik, Videoprojektionen und später interaktive Visuals, die mühelos zwischen Spoken-Word-Performance, Konzert und Theaterinszenierung migrierten.
Anstatt sich auf ein einzelnes Medium zu beschränken, übersetzte sie ihre Arbeit kontinuierlich und konsequent in unterschiedliche Formate, wodurch eine fortlaufende, medienübergreifende wie -reflexive Erforschung von Sprache, Musik und Bildern entstand. Heyward nutzte früh neu verfügbare Medientechnologien und realisierte multimediale Projekte. Diese Arbeiten, ihr Musikalbum 360 sowie eine Vielzahl kollaborativer Musikprojekte unter dem Pseudonym Duka Delight, die der New Wave- und Post Punk-Bewegung in New York zuzuordnen sind, werden im Rahmen des Begleitprogramms durch Vorführungen und diskursive Formate vertieft.
Bildunterschriften und /-nachweise:
1. Julia Heyward performt Miracles in Reverse, 1996, mit Musik von Heyward, Don Christensen, Michael Kott und Dwight Loop, The Kitchen, New York Courtesy die Künstlerin
2. Selbstporträt von Julia Heyward, 1969/70 Courtesy die Künstlerin
3. Julia Heyward performt WAS HERE, 1973, anlässlich der Independent Study Show, The Whitney Museum of American Art, New York
Courtesy die Künstlerin
4. Julia Heyward performt WAS HERE, 1973, anlässlich der Independent Study Show, The Whitney Museum of American Art, New York
Courtesy die Künstlerin
5. Selbstporträt von Julia Heyward, 1969/70 Courtesy die Künstlerin