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Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls
Bis 26. Juli 2026 ● Dortmund ● Museum Ostwall
Die weltweiten Wege des Mülls und die Folgen für Menschen und Umwelt sind Thema einer Sonderausstellung, die im Museum Ostwall im Dortmunder U zu sehen ist. „Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls“ zeigt rund 50 internationale Kunstwerke des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter zwei neu geschaffene Auftragsarbeiten.
Seit den 1960er Jahren setzen sich Künstler:innen zunehmend und kritisch mit dem auseinander, was die Gesellschaft für Müll hält. Ausgehend von der Sammlung des Museum Ostwall, die früh einen Schwerpunkt auf globale wie regionale künstlerische Arbeiten zu diesem Thema setzte, bringt die Ausstellung künstlerische Positionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einen Dialog mit zeitgenössischen Werken.
HA Schults Situation Schackstraße gilt als eine der ersten umweltbezogenen Kunstaktionen in Deutschland: Auf eine Münchner Straße wurden mehrere Tonnen Wohlstandsmüll gekippt, so dass Passant:innen und Ordnungskräfte buchstäblich in Abfall wateten. Der Müll sollte die Verdrängung von Konsumabfällen sichtbar machen und das „saubere“ Stadtbild radikal stören. Schult kritisierte damit eine Konsumgesellschaft, die ihren Müll symbolisch über den Tellerrand schiebt, und sah die Aktion als "Impfspritze" für gesellschaftliches Umweltbewusstsein.
Nancy Holts Zeichnungen zu Sky Mound entstanden als visionärer Entwurf zur Rekultivierung einer riesigen Mülldeponie in New Jersey, die sie in eine parkartige Skulptur verwandeln wollte. Ihr Plan verband die ökologische Sanierung des Geländes mit Land Art, etwa durch Wege, die sich nach den Sonnenwenden ausrichten, und einem Wasserteich für die lokale Fauna – letzterer wurde als einziger Teil ihres Gesamtprojekts Sky Mound bislang realisiert. Holt verstand das Werk als Schritt hin zu einer Kunst, die Teil der gesellschaftlichen Realität wird. Mit Sky Mound wollte sie eine Deponie zum Kunstwerk erheben.
Anna Zetts Videoarbeit Freiheit 3 zeigt die Bitterfelder Deponie mit dem zynischen Namen „Freiheit III“, auf der jahrzehntelang hochgiftiger Müll – auch aus Westdeutschland – abgelagert wurde. Historische Aufnahmen von DDR-Umweltaktivist:innen treffen auf Bilder der heutigen, idyllisch wirkenden Seenlandschaft der ehemaligen Deponie. Der ambivalente Freiheitsbegriff erscheint dabei als etwas, das nach 1989 auf der „gesellschaftlichen Deponie“ neu verhandelt wurde.
Ein wichtiges Thema der Ausstellung sind koloniale Kontinuitäten, die in den Wegen des Mülls eine zentrale Rolle spielen. Die auf stetig neuem Konsum basierende Wirtschaft produziert in Kreisläufen, die davon abhängen, den so entstehenden Abfall in anderen Ländern - zumeist des globalen Südens - zu entsorgen. Die Künstler:innen der Ausstellung machen diese Routen des Mülls und die daraus resultierenden weltweiten Abhängigkeitsverhältnisse und ökologischen Folgen sichtbar.
Die Videoarbeit Brown Goods von Karimah Ashadu folgt Emeka, einem nigerianischen Migranten mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Hamburg, der mit gebrauchten Elektrogeräten handelt und so Teil eines informellen globalen Warenkreislaufs ist. Der Titel spielt mit der Doppelbedeutung von Braunen (gebrauchten) Konsumgütern und „brown bodies“ und thematisiert Herkunft, Wert und Mobilität. Die Arbeit eröffnet Einblicke in eine alltägliche, aber politisch und gesellschaftlich aufgeladene Ökonomie.
Ähnlich gelagert ist die mehrteilige Rauminstallation Obsolete Swing, die aktuelle Auftragsarbeit von Ana Alenso. Die Installation zeigt den Prozess des "Mining" von Rohstoffen wie Kobalt, Gold und anderen wertvollen Materialien, die mithilfe toxischer Stoffe sowohl aus dem Boden als auch aus alten Geräten gewonnen werden und Menschen, Natur und Lebensgrundlagen vor Ort gefährden. Die zweite aktuelle Auftragsarbeit der Ausstellung, TC-2000 von Akwasi Bediako Afrane, ist eine aus Elektroschrott konstruierte, ausufernde Science-Fiction-Stadt, die popkulturelle, afrofuturistische Bildwelten mit ausrangierter Technik verbindet.
Eine zentrale Position in der Ausstellung nimmt Kader Attias Installation Los de Arriba y Los de Abajo ein. Ein beengter Gittergang mit Müll und Schrott über den Köpfen versetzt Besucher:innen in körperliches Unbehagen: Nur mit Drahtgeflechten sind sie gegen herabfallenden Abfall geschützt. Die Arbeit aus dem Jahr 2015 bezieht sich konkret auf die Situation in Hebron, wo sich die palästinensische Bevölkerung mit Netzen gegen den Müll aus den höher gelegenen israelischen Siedlungen schützt, und verweist zugleich allgemein auf die Trennung in „Die da oben und die da unten“, so die deutsche Übersetzung des Titels, in hierarchischen Gesellschaften.
Bildunterschriften und /-nachweise:
1. César Baldacchini (1921 – 1998), ohne Titel, 1959, lackierte Autoblechteile, Sammlung Museum Ostwall im Dortmunder U © César Baldacchini, (Foto: Jürgen Spiler, Dortmund)
2. Kader Attia "Los de Arriba y Los de Abajo" Installationsansicht Roda Sten Konsthall © Foto: Hendrik Zeitler
3. Installationsansicht: Ana Alenso, Obsolete Swing (2026). Foto: Museum Ostwall / Roland Baege
4. Krištof Kintera, Postnaturalia, 2016-2017 Mixed-Media Installation © Krištof Kintera (Foto: Krištof Kintera)
5. Ana Alenso, Obsolete Swing, 2026, Teil der Serie Mad Rush, 2022 – fortlaufend, © Ana Alenso
6. Installationsansicht: Akwasi Bediako Afrane, TC-2000 (2026). Foto: Museum Ostwall / Roland Baege