ausstellung
Sculpture 21st: Flaka Haliti
Bis 08. März 2026 ● Duisburg ● Lehmbruck Museum
Im letzten Jahrzehnt hat Flaka Haliti eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die aus dem reichen Formenrepertoire der Skulptur, der Fotografie, der Architektur und der Installationskunst schöpft. Mit konzeptueller Präzision und großer Imaginationskraft wählt sie Materialien, oft aus unserer Alltagswelt und fügt sie scheinbar leichthändig zu immersiven Inszenierungen zusammen.
Für die Besucherinnen und Besucher erschafft sie ein Raum-Ensemble, das für die Architektur im wahrsten Wortsinn geschaffen ist und zugleich einen Kontrapunkt setzt: Trotz der transparenten gläsernen Hüllle der Architektur grenzt sich das Werk von seiner Umgebung ab. Die Installation definiert einen inneren Bereich, den die Betrachtenden erkunden können. Die dabei zu entdeckenden skulpturalen Elemente vereinen verschiedenste Gegensätze in sich – das Vertraute und das Fremde, das Alte und das Neue, das Technoide und das Menschengemachte überbrücken verschiedene Zeiten und verbinden sich im Raum zu einem raumgreifenden Gesamtwerk.
Höhepunkt der Präsentation ist eine Neuproduktion der Künstlerin: Fenster eines ehemaligen Militärhangars der KFOR werden in silbern schimmernde Stahl- und Aluminiumkonstruktionen gefasst und erheben sich zu überlebensgroßen Lichtskulpturen im Raum. Heute ist ebendieser ehemalige Militärstandort der Sitz der Kulturinstitution Autostrada Biennale Hangar – so fungieren die Werke als ein Sinnbild für Veränderung: Sie erinnern uns an die jüngste Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. Auch wenn sich ihr militärischer Ursprung erst nach und nach erschließt, ist er deutlich spürbar. Die Künstlerin transformiert das Material und verwandelt es in etwas Neues, das viele Bedeutungen in sich trägt.
Auch in ihrer Werkreihe “Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay)“ („Ihre Dringlichkeit ging im Rückwärtsgang verloren (während sie sich in ständiger Verzögerung befand)“) widmet sich Haliti den bis heute anhaltendenden Spannungsverhältnissen in ihrer Heimat Kosovo. Erneut nutzt sie Überreste aufgegebener Militärlager der KFOR und verwandelt sie in farbenfrohe Skulpturen. Dem Müßiggang frönend scheinen sich die zwei Roboter an ihren eigentlichen Zweck nicht zu erinnern. Nur das Material selbst, unter greller Farbe getarnt, verweist auf seine militärische Vergangenheit – nun jedoch in freundlicher, humorvoller Form. In einem scheinbar virtuellen Raum platziert, eröffnen die Skulpturen Momente der Leichtigkeit. Schimmernde Flügel, die an Engelsdarstellungen der Renaissance erinnern, verstärken das Bild und eröffnen gleichzeitig einen Moment der Hoffnung.
Haliti stellt die Verbindung zwischen Ästhetik und Kriegsführung her und übt Kritik an dem globalen Narrativ von Macht und Dominanz. Geprägt von der ständigen Präsenz militärischer Ästhetik in ihrer Heimat Kosovo, stellen die Werke von Flaka Haliti dieser einen transformierten Entwurf gegenüber. Es entstand der von der Künstlerin geprägte Begriff der „demilitarisation of aesthetics“ (Demilitarisierung der Ästhetik).
Durch die Neuanordnung von Materialien und Gegenständen, die Haliti ihren ursprünglichen Fundorten, ihrem Zweck und ihrer Zeit entnimmt, entstehen neue Konstellationen, eine anschauliche Reflexion über die Überwindung von Grenzen, über Macht und Identität. Mit feinem Humor und sensibler Poetik regen uns Halitis Werke dazu an, neue Möglichkeiten jenseits der gewohnten Pfade des Denkens in Betracht zu ziehen.
Bildunterschriften und /-nachweise:
1. Flaka Haliti, Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay) #2, 2019, Foto: Fabian Strauch. Courtesy the artist and Deborah Schamoni
2. Flaka Haliti, Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay) #3 (vorne) und #2 (hinten), 2019, Foto: Fabian Strauch. Courtesy the artist and Deborah Schamoni
3. Flaka Haliti, Every window thinks of itself as an opening, 2025, Foto Fabian Strauch. Courtesy the artist and Deborah Schamoni
4. Flaka Haliti, Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay) #2, 2019, Foto: Fabian Strauch. Courtesy the artist and Deborah Schamoni